Reissiger, Carl Gottlieb » Kreiser, Kindheit und Jugend

Kreiser, Kindheit und Jugend

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auf Seiten 8-9:

Ein Brief aus jener Zeit (8. Juli 1819), in welchem sich Reissiger um das Kantorat in Torgau bewirbt, gibt uns Zeugnis, wie bald er sich in der Musik vervollkommnet hatte. Wir lesen:
„Ich hätte nicht so lange gesäumt, in dieser Angelegenheit meine ergebenste Bitte vorzutragen und um die vakante Stelle des Kantorats anzusuchen, hätte mich nicht Ungewißheit über das Nähere, das man bei solchen Fällen zu wissen nötig hat, ebensosehr als die mir von meinen hiesigen Gönnern und Freunden oft vorgeworfene Bescheidenheit zurückgehalten, dieses eifrigst zu tun. Es ist von jeher mein Wunsch gewesen, und ich kann sagen, ich habe stets mit Sehnsucht den Zeitpunkt erwartet, der mir die Gelegenheit darbieten möchte, mich ganz dem Fach widmen zu können, zu dem ich mich ganz geboren zu sein glaube. Ich komponierte schon in kurzer Zeit für das Thomaschor elf größere und kleinere Motetten, nebst sehr vielen Arien, und habe auch in der lnstrumentalmusik gearbeitet, indem ich mehrere Ouvertüren, deren eine im vergangenen Winter im großen Konzert aufgeführt wurde und auch eine Missa schrieb, und fortfahre, Kirchenstücke zu bearbeiten. Wenn nun von einem Kantor ihrer Stadt, die sich zu den Mittelstädten zählt, verlangt wird, nächst anderen Kenntnissen nicht allein einem Sängerchore gut vorzustehen und es in Flor zu erhalten, sondern auch selbst Kirchenstücke zu komponieren und anderen in der Nähe befindlichen Kantoren mit gutem Beispiel voranzugehen und selbst mit Rat und Tat in musikalischer Hinsicht zu unterstützen, und das muß wohl verlangt werden, und ich mich diesem Amt gewachsen fühle, so wollen Sie, Wohlgeborene und Hochgelahrte Herren! es nicht für unbescheiden halten, daß ich mich nächst dieser meiner Neigung auch durch die fast gewisse Eröhung dieser Stelle, die mich, wenn sie auch nicht so groß sein sollte, wohl zufrieden stellen würde, bestimmen ließ, es zu wagen, und Sie gehorsamst zu bitten, bei Besetzung dieser Stellung auch auf mich Rücksicht zu nehmen, und wenn beiliegende Testimonia mich nicht ganz unwürdig schildern sollten. mich Ihrer Wohlgewogenheit und Aufmerksamkeit zu empfehlen.”
Den darauf vom Rat bestimmten Termin zur Probe konnte Reissiger aber nicht einhalten, da die Mitteilung davon erst nach dem Probetag in seine Hände gelangte. „Nun aber bin ich“, heißt es in der Antwort an den Rat vom 28. Juli 1819. „hier durch die Reise des hiesigen Konzertmeisters und ersten Violinisten, Herrn Matthäi, in Karlsbad gebunden, indem ich dessen officia in der Kirche und Theater übernommen habe, weil ich nicht erwartete, daß die Probe so bald vor sich gehen würde. Da er nun leicht unter acht Tagen nicht zurückkehren dürfte, so bitte ich gehorsamst, wenn es irgend möglich ist, die Probe zu völliger Sicherheit auf den 9 t. p. Tr. als den 15. August festzusetzen.“
Der Rat entschied sich infolgedessen nun für den 22. August, aber schon unterm 1. August zog Reissiger seine Bewerbung zurück. Er fürchtete, die aufreibende Praxis eines Doppelamtes – der Kantor war zugleich Lehrer – werde ihn von seinem vorgesteckten Ziele, der Musik allein sich zu widmen, ablenken.
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Reissiger blieb also zunächst noch einige Zeit in Leipzig. Da das Gewandhausorchester zugleich den Theaterdienst mit versah, so bekam er auch hier schon einen Einblick in das musikdramatische Schaffen der Zeit. Die Deutschen, P. v. Winter, Dittersdorf, Schenk, Gyrowetiz, vor allem aber Mozart, wurden von der Bühne gepflegt. Von Italienern und Franzosen hörte er Cimarosa, Paër, Méhul. Die Kammermusik, der er später selbst so viele Werke schenken sollte, konnte er in den von Matthäi eingerichteten Quartettabenden in praxi studieren.

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13. 2. 2014 von Christian