Reissiger, Carl Gottlieb » Kreiser, Dresden

Kreiser, Dresden

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auf Seiten 61-68 :

Reissiger hatte nun einen Höhepunkt seines Lebens erreicht. Um die Freude teilen zu können, dachte er jetzt ernstlich daran, seine Herzenskönigin heimzuführen. Seine frühere Klavierschülerin, die Tochter seines Gönners. Marie Stobwasser, war, wie wir wissen, die Auserwählte. —— Daß man in Dresden das Ereignis nicht unbeachtet vorübergehen ließ, ist selbstverständiich. Der bekannte Dichter der „Crania“, Tiedge, den Reissger schon 1824 kennen gelernt hatte, widmete der Braut ein tiefes Gedicht. Sämtliche Mitglieder der Kgl. Kapelle überreichten ferner ihrem „verehrten Herrn Kapellmeister bei seiner Rückkehr nach Dresden mit seiner geliebten Gattin Marie geb. Stobwasser in Liebe und Hochachtung“ einen gedruckten Huldigungruß…
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Das folgende Jahrzehnt war nun für Reissiger das glücklichste und erfolgreichste seines Lebens, für die deutsche Oper in Dresden und für Dresdens Musikleben selbst eine große Blütezeit. Sein Ruf als Dirigent und Komponist drang weit über Dresden hinaus. ja sogar jenseits Deutschlands Grenzen wird Reissiger populär. Einen besonders großen Erfolg verdankte er seiner Bühnenmusik zu dem Scribeschen Drama: „Yelva oder die Stumme.“ (deutsch von Th. Hell, 1828). Die Komposition erbringt den ‘Beweis, daß Reissiger tatsächlich Anlagen zum dramatischen Komponisten hatte, wenn sie nur durch einen geeigneten Text geweckt wurden‚ aber niemals wieder hatte er das Glück gehabt, einen so dramatischen Vorwurf, wie Yelva, zu erlangen. Ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung war, wie die Berichte belegen, Yelva durchaus noch ein Zugstück der deutschen Theater, und selbst zur Feier des hundertsten Geburtstages Reissigers (31. Januar 1898) hat sie in der Dresdner Oper unter Schuch Wirkung ausgeübt, so daß sie wohl heute noch von Zeit zu Zeit möglich wäre. Nach Dresden brachte zuerst Kassel 1829, Wien 1830, Stuttgart, Weimar die „Yelva“ auf der Bühne, während die Konzertmusik durch Aufführung der Ouvertüre den Namen des Komponisten in ganz Deutschland verbreitete.
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1829 folgte die Oper „Libella“ mit der Schröder-Devrient in der Titelrolle, die auch viel Anerkennung fand. Neunmal wurde sie in einem Jahre in Dresden aufgeführt. Die Kritiken sprechen immer nur von der „lieblichen“ Libella, und tatsächlich ist hier alles in Melodie getaucht, aber keine angekränkele, sondern eine frische Melodik ist vorherrschend. Die Tänze sind gefällig, rhythmisch einfach, aber gesund melodiös. Auch dämonische Klangfolgen kommen vor, die aber Webers oder Marschners Vorbild nicht erreichen, der Text stammt von Theophania (Deckname für Fräulein v. Brochowska). Die Ouvertüre wurde ebenfalls, wie die anderen Ouvertüren Reissigers (Dido, Nero. usw), in allen Konzerten gespielt. Alle diese Werke aber sollte die Ouvertüre zur Oper „Die Felsenmühle“ übertreffen. Mit ihren prägnanten, französisch prickelnden Rhythmen und weichen, melodischen Linien nach italienischer Art hat sie sich bis auf den heutigen Tag gehalten. Wir können aus der energischen Rhythmik, wie sie ebenso vielen anderen Kompositionen Reissigers eignet, folgern, daß Reissiger auch als Dirigent ein straffer, präziser Rhythmiker war. Die Ouvertüre zur „Felsenmühle“ verschaffte ihm Weltbekanntheit. Die Oper selbst, nach dem Text von v. Miltitz, zeigt nun, wie alle kommenden Werke (Turandot 1835, Adele de Foix 184l, der Schiffbruch der Medusa 1846), die Erscheinung, daß bei völlig undramatischer Anlage des Textes, gelungene Nummern neben vielen mittelmäßigen stehen. Der Text war totes Schema und gab dem Komponisten zu wenig individuelle Anregungen. so daß der Letztere auch einem Schematismus (italienische Arie) verfallen mußte. Die tatsächlich wirkungsvollen Nummern aber, die auch zu Lebzeiten Reissigers den Werken den Erfolg, von dem man allerorts liest, verschafften, sollte man nicht in ihrer alltäglichen Umgebung stehen lassen, um das Urteil über Reissiger zu wandeln. Nach Dresden brachte 1831 das‘Kgl. Hoftheater zu Leipzig (l829—32 eine Filiale von Dresden) „Die Felsenmühle“… ——- Interessant ist, daß ferner Kopenhagen die Oper aufführte. Beziehungen hat ja der sächsische Hof immer zum Norden gehabt. Von Schütz, Naumann u. a. ist ihre dortige: Tätigkeit bekannt, und auch zu Reissigers Zeit gaben z. B. die Virtuosen des Dresdener Kgl. Orchesters (Fürstenau) im Norden Konzerte. Eine besondere Ehrung erfuhr Reissiger auch dadurch, daß 1834 in Berlin die „Felsenmülile“ als Festoper zu Königs Geburtstag unter seiner Leitung aufgeführt wurde. Der Herrscher war derselbe, der Reissiger früher unterstützt hatte.
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Außer der Oper bearbeitete Ressiger besonders schöpferisch das Gebiet des Solo- und Chorliedes und der Kammermusik. Wir werden ja gegen Ende noch auf alles zurückkommen. Hier sei nur gesagt. daß man förmlich vor einem Rätsel steht, wie Reissiger bei seiner anstrengenden Amtstätigkeit eine solche Fülle von Kompositionen liefern konnte. „Nulla dies sine linea“, dieses Wort scheint uns fast zu wenig auszudrücken. Jede kleine Pause im Amt scheint er benützt zu haben, um nur die Lieder so hinzuschreiben. Dabei sind zufolge Unmenge nicht alle, wie man vermuten könnte, qualitätslos, wenn auch ein großer Teil den Stempel der schnellen Gelegenheitsarbeit trägt. In Rob. Schumanns N. Z. f. M. Wird Reissiger einmal ein „Liederpascha“ genannt, der so verliebt ist, kaum noch alle kennen kann. Wir müssen heute bedauern, daß Reissiger sich nicht mehr konzentriert hat, wozu er das Zeug hatte, wie mehrere sehr gelungene Lieder beweisen. Heute ist über Reissigers als Liederkomponist der Stab gebrochen, woran nur die Menge schneller Arbeiten schuld ist, welche‚ wie es meist zu sein pflegt, die guten Würfe mit in die Vergessenheit reißen. Eine Ungerechtigkeit der Geschichte! Zu seiner Zeit waren alle Gaben Reissigers hochbegehrt, und man kann es dem Komponisten, der für seine Familie nun auch erhöhte finanzielle Anforderungen zu. befriedigen hatte, nicht gar so sehr verübeln, wenn er sein Einkommen auf die ihm vom Publikum selbst angebotene Art vermehrte. Er hat wohl selbst nicht geahnt, daß es ihm einst so schaden würde, denn er war ja sonst als Musiker ein ernster, pflichtbewußter Mann.
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Ein anderes erfolgreiches Gebiet war die Männerchorkomposition, und wir sehen Reissiger auf den Programmen aller deutschen Männergesangs- und Musikfeste, die ja, von dem Thüringer Kantor Bischof ins Leben gerufen, in der ersten Hälfte des l9. Jaihrhunderts eine wahre Hochblüte erlebten. Reissiger besucht dieselben als Ehrengast und Ehrendirigent, vom vierten Musikfest an der Elbe in Nordhausen fast alle. Er erwies dadurch gleichzeitig der Kunstpflege einen großen Dienst, denn die Musikfeste förderten mit ihrer großzügigen Anlage das Gedeihen der deutschen
Kunst ganz besonders. Weite Kreise des des Volkes, namentlich Kleinstädter, die sonst von Musik wenig hörten, bekamen Fühlung mit bedeutenden Werken in musterhafter Aufführung. Vorgreifend nennen wir hier nur das größte Musikfest, welches Reissiger in seinem Leben geleitet hat, das fünfundzwanzigste Niederrheinische Musikfest zu Aachen 1843. Daß er gerade das Jubiläumsfest leiten durfte, war eine besondere Auszeichnung. In „meisterhajter“ Ausführung gelangten unter ihm mit einem Chore von 465 Sängern und einem Orchester von 133 Instrumentisten am ersten Tage das Magnifikat von Durante die G-Moll-Sinfonie von Mozart und Händels Samson zum Vortrag. Als Solisten hatte Reissiger sich seinen berühmten Dresdener Tenor Tichatschek mitgenommen (seit 1838 von Reissiger nach Dresden engagiert). Am zweiten Tage erklangen die Sinfonia eroica von Beethoven, ein eigens für das Fest komponierter Psalm Reissigers und Hymnen von Cherubini und Vogler.
Das Institut der deutschen Oper in Dresden hatte nun inzwischen auch wieder gute Fortschritte gemacht. 1830 hatte Dresden in einem Jahre bereits mehr deutsche Werke aufgeführt, als Berlin, wo doch schon lange keine italienische Oper mehr Konkurrenz machte (seit 1805), während ja bekanntlich in Dresden die italienische Oper sich am zähesten von allen bestehenden gehalten hat (bis 1832). Zustatten kam Reissiger allerdings bei der Gestaltung des deutschen Spielplans, daß Morlacchi infolge seiner Krankheit doch nicht mehr so für sein Institut wirken konnte. Reissiger wechselte geschickterweise, um Hof und Publikum im Übergang allmählich an die ernsten deutschen Kunstwerke zu gewöhnen, in der ersten Zeit immer mit leichter
verständlichen, schnell beliebt werdenden deutschen Singspielen und italienischen Werken ab. Er hatte die Freude, daß tatsächlich das Interesse für die deutsche Oper immer größer wurde. Nur von e i n e r Seite suchte man immer noch das Gedeihen zu verhindern. Konnte man auch der Person des Leiters selbst nichts anhaben – dieser hatte sich durch Können und Charakter alle Herzen gewonnen –‚ so liest man doch, daß dem Unternehmen im Prinzip von einem Teile der Presse immer noch Erschwerungen bereitet wurden. Eine herzhafte Erwiderung müssen wir deshalb wiedergeben, die die Lage treffend kennzeichnet. Wir lesen in der A. M. Z.. 1829, S. 726: „Destomehr habe ich mich über die deutsche Opergefreut, für welche dank der lebhaften Teilnahme des Hofes und des Publikums, die Direktion mehr zu tun anfängt. Konnten auch wegen der angestrengten Kräfte der deutschen Sänger, die während des Juni, Juli August zwei- und dreimal in der Woche auftreten mußten, nur Wiederholungen älterer Opern stattfinden, so waren diese doch so vollkommen und von seiten der Sänger sowohl als des Orchesters so vollendet ausgeführt, daß man hinlänglich für die Neuheit entschädigt wurde. Ich erwähne nur die gelungenen Vorstellungen des Oberon, der Euryanthe, des Jakob und seine Söhne, der Libella, der zum ersten Male deutsch gegebenen Vestalin und des neu einstudierten Fidelio. Der unvergeßliche Weber würde sich freuen, könnte er Zeuge sein, welche herrlichen Früchte das von ihm mit vielem Schweiß unter unaufhörlichen Kämpfen errichtete deutsche Institut trägt. Und dennoch wird die deutsche Oper jetzt noch von parteiischen Korrespondenten wie früher angegriffen. ….

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13. 2. 2014 von Christian