Reissiger, Carl Gottlieb » Kreiser, Reissiger und Wagner

Kreiser, Reissiger und Wagner

« 1 2 3 4 5 6 7 8»

auf Seiten 84-85 :

Zu der Behauptung, daß Reissiger Weber nicht richtig auffasse, fand Wagner Aufmunterung in einer Äußerung der Gattin Webers, worin sie Reissiger gleichzeitig faul nennt. Wir können von ihr rein menschlich verstehen, daß der Naschfolger ihres geliebten Gatten im Amte für sie natürlich ni das bedeuten konnte, was er war, und wäre er noch besser gewesen. Ihr Gemüt ließ nur ein befangenes Urteil zu. Andererseits gehört es zu den Mitteln eines Kämpfers wie Wagner, all nur irgend zu erlangenden Auskünfte über den Gegner (oder vermeintlichen Gegener) für sich voll auszunutzen.
Wer unserer Darstellung gefolgt ist und auch noch die Schlußkapitel in Betracht zieht, der weiß, daß die Behauptung von Faulheit bei Reissiger einfach Ironie ist. Wir brauchen hier nicht noch einmal von den Schulfleißprämien, von dem ununterbrochen tätigen Geiste auf den Reisen, von der fast fieberhaften Tätigkeit in Dresden (sehr häufige Leitung sowohl der deutschen und der italienischen Oper ganz allein, Kirchendienste, Klavierproben für andere), von seinen sechshundert Kompositionen usw. eingehend zu reden, wir wissen daß obige Behauptung den Tatsachen einfach ins Gesicht schlägt. Undank ist der Welt Lohn. Zwar fand Reissiger sonst gebührende Anerkennung, aber es sollte ihm wenigstens von dieser einen Seite die Gehässigkeit nicht erspart bleiben. Wagner, der, wie alle Genies, nicht in die Fesseln eines Amtes paßte (Hofkapellmeister)‚ fand in seiner Dresdner Betätigung keine Befriedigung. Aber er suchte natürlich nicht den Grund in sich selbst, sondern mußte einen Ableiter für seine Mißstimmung finden. Da war der von Herzen gute Reissiger, der alles andere als eine Kampfnatur war, gerade der rechte. Karl Gutzkow, dessen „Rückblicke auf mein Leben“ sonst nicht immer Zuverlässiges bringt, hat in dem einen Reissiger betreffenden Punkte vollständig recht: „An Reissiger ist wirklich eins zu bewundern: Nachfolger und Verehrer Webers, war er ein hochgebildeter Mann, vielseitiger, strenger Theoretiker, Kirchenkomponist, heimisch in Gluck, Mozart. Haydn, Beethoven wie einer; und nun mußte er den ersten Anprall dessen aushalten, was wir später als „Musik der Zukunft“ mit ihren Prätensionen haben kennen lernen! Das Chaos von Ideen, das jetzt jene Bretter in Bayreuth aufschlägt, um die in Musiküberschizvemmung versetzten Lehrbücher der nordischen Mythologie genießbar zu machen, stürmte in seinem ersten vulkanischen Brodeln und Sprühen unmittelbar auf diesen wackeren, in seinen Formen immer liebenswürdigen Biedermann ein.“

« 1 2 3 4 5 6 7 8»

20. 2. 2014 von Christian