Reissiger, Carl Gottlieb » Nachruf Deutscher Bühnenalmanach

Nachruf Deutscher Bühnenalmanach

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Während dieser langen Amtstätigkeit erlahmte dennoch sein künstlerisches Schaffen nicht. Zu den bereits genannten Opern gesellten sich zwei neue, „Turandot“ und „Adele von Foix“. Erstere erschien, irren wir nicht, im Jahre 1836 und wurde auf der Dresdener Hofbühnen zu wiederholten Malen bei immer vollem Hause gegeben. Die musikalische Kritik sprach sich auch über diese Werk sehr günstig aus. Die größte Tätigkeit entwickelte jedoch Reissiger auf dem Felde der Kirchenmusik und man kann wohl sagen, daß sich sein Talent auf diesem Gebiet weit entschiedener als auf dem dramatischen zeigte. Seine Messen sind in der Stimmführung und Harmonisierung Meisterwerke ihrer Art. Nicht nur in der katholischen Hofkirche zu Dresden wurden sie bei Gelegenheit der hohen Kirchenfeste aufgeführt, auch in den bedeutendsten Städten Deutschlands, ja selbst über dessen Grenzen hinaus dienten sie zur Erhöhung des katholischen Kultus. – Das einfache Lied hat wohl in keinem neueren Komponisten einen begabteren und melodienreicheren Vertreter gefunden, als in Reissiger. Viele derselben leben im Munde des Volkes. Heine’s „beide Grenadiere“, Uhland’s „guter Kamerad“, Geibel’s „Zigeunerknabe im Norden“ haben neben der Gediegenheit der Komposition eine so schöne, hinreißende und bestechende Melodik, daß man sie selbst nach Jahren und unter wechselden Eindrücken immer wieder gern singt. Wo lustige Zecher zusammen sind und „des Lebens Elend und Sorgen“ beim feurigen Pokale vergessen wollen, wird auch sein „Vater Noah“, ein Prachtstück humoristischer Charakteristik, in welchem sich der den Freuden der Geselligkeit mit Wärme hingegebene Charakter des Dahingeschiedenen in frischester Lust abspiegelt, gern gesungen werden. Welche Sängervereine gäbe es, welche seine zahlreichen Quartette und unter ihnen nicht den „Sänger“ und das feurige, kriegsmutige „Blücher am Rhein“ gesungen hätten! Sein Melodienreichtum war fast unerschöpflich und nicht allein der zartesten Romantik, sondern auch, als diametraler Gegensatz, der kecksten, derben Lebenslust zugänglich. Schon sein reicher Liederschatz wird ihm ein bleibendes Andenken bewahren. Wie alle seine Kompositionen das Innige, Tiefe und Gemütvolle seine Charakters abspiegeln und das Gepräge deutschen Wesens an sich tragen, so hat gerade dieser Schatz von den Vorzügen seines Wesens das meiste in sich aufgenommen. Wie der Dichter am meisten durch seine Lieder im Munde des Volkes fortlebt, so hat sich auch Reissigers Popularität gerade in der Form des Liedes, der ursprünglichsten und reinsten in der Musik, bei allen Sangeslustigen befestigt. Von seinen Liedern sind wohl einige 60 Sammlungen erschienen. – Außerdem ist aber auch seine Be-deutung als Instrumental-Komponist nicht zu unterschätzen. Seine Instrumentierung ist klar und schwungvoll und die Melodie schön und fließend. Dem Andenken Karl Maria von Weber’s widmete er im Jahre 1822 ein größeres Musikstück: „Dernière pensée de C. M. de Weber“, ein Werk voll hoher Gedanken und ausdrucksvollem Adel des Stils. Das Festspiel: „Der Erde reinstes Glück“ komponierte er in höheren Auftrag zu den Vermählungs-Feierlichkeiten der verstorbenen Königs von Sachsen.
Unter den vielen Kompositionen für Kammermusik heben wir namentlich sein schönes Trio für Piano, Violine und Cello hervor, das er Mendelssohn-Bartholdy zueignete. Wenn Reissiger als Opern-Komponist nicht das Glück machte, welches sein eminentes überreiches Talent eigentlich erwarten ließ, so lag dies mehr in der Wahl seiner Texte, welche niemals, mit wenigen Ausnahmen, recht glücklich waren. Dazu kam, daß seine zeitraubende Stellung als Kapellmeister ihm eine strenge und wirksame Prüfung seine musikalischen Vorwürfe kaum gestattete und das seine aus der Fülle schöpferischen Talents stammende Gewohnheit, schnell zu arbeiten, ihm nicht die Zeit gönnte, in der Auswahl peinlich zu Werke zu gehen. Läßt sich hieraus ein Vorwurf ableiten, so wäre es der, daß seine ungeheure Fertigkeit im schnellen Schreiben ihn öfter zu einem Mißbrauch dieser Kraft verleitete, welcher, im entgegengesetzten Falle, bei einer tiefen wissenschaftlichen Durchbildung kaum eingetreten wäre. Dieser Mißbrauch seiner schöpferischen Kraft findet jedoch Entschuldigung, wenn wir auf Reissiger’s Leben, das in seiner künstlerischen Entwicklungsepoche ein Kette von Schwierigkeiten und Hemmnissen dabot, zurückblicken. Nur die rasche, kräftige Arbeit und Tat konnte ihn in diesen Hemmnissen aufrecht erhalten. Hielten sich alle seine Schöpfungen auf den verschiedensten Gebieten der Musik auch nicht immer auf gleich hoher, der Kraft seines Talents ebenbürtigen Stufe, – sie verirrten sich nie in das Bizarre und Extreme, oder in das Triviale und Gemeine. Kan man auch Reissiger nicht den Schöpfer eines neuen Stils nennen, so hat er sich dennoch innerhalb der von Weber angebahnten romantischen Schule als selbstständige Kraft bewährt, welcher ein fast nie versiegender Reichtum an tiefempfundener Melodik bis zu ihrem Erlöschen zu Gebote stand. Selbst seine minder bedeutenden Werke bleiben noch immer gut und sorgfältig, und das eben machte ihn zu einer seltenen Erscheinung in der heutigen Komponistenwelt, daß seine schaffende Kraft noch immer über der Art ihrer Äüßerung stand und die eigentliche Leistung im wahren Sinne des Wortes beherrschte.

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09. 3. 2014 von Christian