{"id":215,"date":"2014-02-20T15:19:24","date_gmt":"2014-02-20T14:19:24","guid":{"rendered":"http:\/\/reissiger-stiftung.de\/?page_id=215"},"modified":"2014-02-20T15:19:24","modified_gmt":"2014-02-20T14:19:24","slug":"kreiser-reissiger-und-wagner","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/?page_id=215","title":{"rendered":"Kreiser, Reissiger und Wagner"},"content":{"rendered":"<div class=\"notiz-m\">Dieser Abschnitt der Biografie ist ungek\u00fcrzt wiedergegeben, da er mir von besonderem Interesse zu sein scheint!<br \/>\n(Ch. Hildebrand)<\/div>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seiten 79-80 :<\/div>\n<p>In dieser erlesenen Kunstst\u00e4tte mit ihren reichen Mitteln war nun von einem ehrlichen deutschen K\u00fcnstler, Reissiger, der Boden bereitet f\u00fcr die glanzvolle Einf\u00fchrung des gr\u00f6\u00dften deutschen K\u00fcnstlers des 19. Jahrhunderts, Richard Wagners. Schulden wir nicht Reissiger Dank, da\u00df er das Instrument geschaffen. auf dem dann Wagner spielte? Wie aber konnte Wagner, nachdem er selbst erst Dank empfunden, dieser Tat sp\u00e4ter so uneingedenk bleiben? Ihn selbst zu entschuldigen, wird allenfalls gelingen, nicht aber die Mehrzahl der Biographen Wagners, die in blinder Verehrung des \u201eMeisters\u201c das Urteil \u00fcber dessen Umwelt, und damit auch Reissiger, vollst\u00e4ndig am \u201eMeistcr&#8221; orientierten und diese daher einseitig verkannt hat. Gedenken wir gleich des ersten mit Dresden zusammenh\u00e4ngenden Ereignisses, der Annahme des Rienzi. Was wird da nicht alles von einer Verz\u00f6gerungspolitik der Dresdner Intendanz, wom\u00f6glich sogar Reissigers geredet. Untersuchen wir aber die Sache, so finden wir, da\u00df nur ein ung\u00fcnstiges Zusammentreffen von widrigen Umst\u00e4nden die Schuld tr\u00e4gt, wenn der infolge seiner Notlage in Paris die Zeitdauer selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4rter empfindende Wagner etwas in Unruhe geriet.<br \/>\nErstens schickt Wagner die Partitur mit Textbuch nach Dresden. Bei der Ankunft fehlt aber auf unerkl\u00e4rliche Weise das letztere. Hofrat Winkler teilt dies Wagner nach Paris mit, denn ohne das Textbuch zu kennen, kann nat\u00fcrlich keine Entscheidung getroffen werden. Wagner entschuldigt sich und schickt nunmehr das Textbuch, wobei wir immer auch die lange Postdauur von ca. zehn Tagen zwischen Paris und Dresden mit in Betracht. ziehen m\u00fcssen. Nun aber machen sich kleine \u00c4nderungen am Text n\u00f6tig, die Wagner auch sofort erlaubt. Das Schlimmste aber war, da\u00df L\u00fcttichau \u00fcber einen Monat lang schwer erkrankte (Wagner schreibt selbst davon), so da\u00df alle endg\u00fcltigen Entscheidungen so lange unterbrochen werden mu\u00dften. Reissiger hatte aber schon vor L\u00fcttichaus Erkrankung sein Urteil \u00fcber Rienzi abgegeben und auch Wagner mitgeteilt (vergl. Brief Wagners an L\u00fcttichau vom 4. Juni 184l, worin erst von Meyerbeers F\u00fcrsprache die Rede ist, es dann aber hei\u00dft: \u201eDies, verbunden mit dem Beweis von herzlicher Gewogenheit, den mir Herr Kapellmeister Reissiger in dem Briefe gibt, in welchem er seine Zufriedenheit mit der ihm zur Durchsicht zugestellten Partitur meiner Oper gegen mich ebenso schmeichelhaft als bieder ausspricht.\u201c Auf diesen Brief, in welchem bereits von Wagner selbst Reissigers Urteil mitgeteilt wird, ist von irgendeiner Hand die bekannte Randbemerkung gemacht worden: \u201eDie Partitur wie Textbuch hat Herr Kapellmeister Reissiger\u201c, welche die Wagner-Biographie so ausgelegt hat, als l\u00e4ge die Partitur noch zur saumselig betriebenen Beurteilung bei Reissiger, w\u00e4hrend dieser bereits sein Urteil abgegeben hatte, und die dann erst erfolgende Randbemerkung nur den augenblicklichen Aufbewahrungsort dem Intendanten oder irgendeiner anderen Person, vielleicht dem Chordirektor Fischer, der ja auch f\u00fcr die Annahme der Partitur war, anzeigen soll. \u00dcbrigens war auch gerade dieses Jahr ein so arbeitsreiches, da\u00df alle Kr\u00e4fte des Instituts \u00fcberm\u00e4\u00dfig in Anspruch genommen waren. Wagner schreibt: \u201e . . . . . . ich wei\u00df, da\u00df selbst die seit langer Zeit zur Auff\u00fchrung bestimmte neue Oper von Herrn Kapellmeister Reissiger (Ad\u00e8le de Foix K. K.) nicht vor Herbst dieses Jahres in Szene gehen k\u00f6nnen wird.\u201c<br \/>\nEine absichtliche Verz\u00f6gerung h\u00e4tte in auch gar keinen Sinn gehabt. Der noch unbekannte Wagncr hatte noch keine Gegner wie sp\u00e4ter; der \u201eRienzi&#8221; war noch im \u00e4lteren Stil, wenn er auch alle bisherigen Schwierigkeiten \u00fcbertraf, und Dresden suchte nach dem gro\u00dfen Hugenotten-Erfolg von 1838 wieder nach etwas \u00c4hnlichem, hatte aberr unter Reissigers Eintreten f\u00fcr deutsche Opernneuheiten l\u00e4ngere Zeit ung\u00fcnstige Erfahrung gemacht, so da\u00df der \u201eRienzi\u201c endlich wieder einen Erfolg versprach. Die Urauff\u00fchrung desselben aber bleibt eine unbestrittene Tat der Dresdner Hofoper und Reissigers, welcher sich keine M\u00fche verdrie\u00dfen lie\u00df, das an L\u00e4nge und Schwierigkeit un\u00fcbertroffene Werk peinlichst einzustudieren. Gerade der gro\u00dfe Erfolg der von Reissiger geleiteten Rienzi-Urauff\u00fchrung (20. Oktober 1842) hatte auf Wagners sp\u00e4tere Entwicklung einen erheblichen Einflu\u00df, denn von da an hatte er besonders vor sich selbst den Bef\u00e4higungsnachweis erbracht. Reissigers Annahme des Rienzi bedeutete somit einen Wendepunkt in Wagners Leben. Durch den \u201eRienzi\u201c erlangte Wagner eine Beliebtheit, wie sp\u00e4ter zu Lebzeiten nie mehr, und er wu\u00dfte es auch zu sch\u00e4tzen, was die Protektion eines Hoftheaters f\u00fcr einen jungen komponisten bedeutete. All Briefe aus dieser Zeit sind in zufriedenem Tone gehalten, und zu Reissiger gewinnt er ein herzliches Verh\u00e4ltnis.<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seiten 80-81 :<\/div>\n<p>Nun wurde Wagner aber bekanntlich 1843 als Hofkapellmeister neben Reissiger angestellt. Reissiger war froh, nach sechzehn au\u00dferordentlich aufreibenden Jahren, in weichen er oft lange Zeit hindurch die ganze Leitung allein hatte (erst k\u00fcrzlich wieder nach Morlacchis [1841] und des Musikdirektors J. Rastrellis Tode, so da\u00df er die Rienzi-Vorbereitungen nur auf seinen Schultern ruhen hatte), eine junge deutsche Kraft zur Unterst\u00fctzung zu erhalten, da sich gerade jetzt eine sehr verst\u00e4ndliche Nerven\u00fcberspannung bemerkbar machte. Freilich eine gr\u00f6\u00dfere Entlastung wird Wagner nicht herbeigef\u00fchrt haben, denn da dieser wieder, wie Morlacchi, keine Klavierfertigkeit hatte, blieb Reissiger ein gro\u00dfer teil der m\u00fchsamen Klavierproben. Der andere Teil wurde von dem eben auch neu angestellten Wusikdirektor R\u00f6ckel \u00fcbernommen.<br \/>\nDie Bedingungen bei Wagners Antritt waren gegen dieselben bei Reissigers Anstellung ungleich g\u00fcnstigere. Der Sieg der Deutschen \u00fcber die Italiener war entschieden. Ferner hatte der Rienzi-Erfolg seinem Sch\u00f6pfer beim Intendanten einen gro\u00dfen Einflu\u00df gesichert, sa da\u00df Wagner als Kapellmeister von vornherein gr\u00f6\u00dfere Zugest\u00e4ndnisse erhielt. Das einschmeichelnde Wesen, welches Wagner in so hohem Grade zu Gebote stand, gewann ihm auch andere Freunde. Dem einflu\u00dfreichen Kollegen Reissiger kam er anfangs mit Flei\u00df entgegen. So bot er ihm einen von ihm abgefa\u00dften Operntext (die hohe Braut, nach K\u00f6nigs Roman) an, den dieser aber ausschlug, k\u00fcnstlerisch jedenfalls zu seinem Nachteil; denn Reissiger hatte mit guten Texten nie Gl\u00fcck gehabt. Von Wagner, dem geborenen Dramatiker, h\u00e4tte er sicher einen wirksamen Text erhalten. Nat\u00fcrlich schlug Reissiger den Text nicht, wie die Wagner-Biographie in h\u00f6hnischer Weise mitteilt, auf Anraten seiner Frau ab. sondern es fehlte Reissiger \u2013 eine Tragik f\u00fcr ihn \u2013 tats\u00e4chlich der Blick f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere dramatische Wirkungen in einem Libretto. Er war geborener Lyriker mit einem nur geringeren dramatischen Einschlag.<br \/>\nIn Wagners erster Dresdner Zeit konnte niemand, vielleicht er selbst nicht recht, den Kunstrevolution\u00e4r vermuten, der bald aus ihm hervorbrechen sollte. Der Wagner der vierziger Jahre, wie er in der Geschichte bekannt ist, der Sch\u00fcler des Philosophen Feuerbach, begann sich alsbald zu regen. Er f\u00fchlte einen Drang nach vorw\u00e4rts, sein Ziel kannte er selbst noch nicht. Es kam die Periode des \u201enoch nicht bewu\u00dften k\u00fcnstlerischen Wollens&#8221;, wie sie Glasenapp nennt. Eine Individualit\u00e4t erwachte, suchte aber erst eine Richtung. Die in der Literatur bekannte Bewegung des jungen Deutschland sollte eine parallele Erscheinung in der Musik finden. Wagner ger\u00e4t dabei in ein unglaublich gesteigertes Selbstbewu\u00dftsein und in einen fortw\u00e4hrend gereizten Zustand gegen\u00fcber seiner Umwelt, so da\u00df wohl kein zeitgen\u00f6ssischer Kapellmeister um seine Kollegenschaft zu beneiden war. Kurze, vor\u00fcbergehende, ung\u00fcnstige Erscheinungen im Theaterbetriebe, die bisher nicht vorgekommen\u201a aber gerade jetzt: auftreten, wie die durch Zwangsbeurlaubungen der gro\u00dfen K\u00fcnstler (Schr\u00f6der-Devrient, Tichatschek\u201a Dettmer) entstehende Pause f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Werke, welche diesmal nicht gelungen war, durch Verpflichtung von gleichwertigem Ersatz auszuf\u00fcllen, dazu Reissigers Erkrankung lassen den Hei\u00dfsporn gleich von verlotterten Zust\u00e4nden reden, die er zu reformieren gehabt h\u00e4tte. Ein Institut, das kurz vor Wagners Antritt die erste deutsche Stelle einnimmt, soll dann gleich verlottert sein? Wir merken schon, da\u00df solche Urteile nur von einer \u00e4u\u00dferst subjektiv gerichteten Individualit\u00e4t stammen k\u00f6nnen. Eine starke Individualit\u00e4t, wie das Genie Wagner, begeht stets den Fehler des F\u00e4llens von absoluten Urteilen. Relativit\u00e4t ist ihm fremd, weil sie nur sich selbst als Ausgangspunkt anerkennt. Schlimm ist es aber, wenn das Genie dann in der Periode des \u201ebewu\u00dften k\u00fcnstlerischen Wollens\u201c und in der N\u00e4he des Sieges \u00fcber die der vorhergehenden G\u00e4rungsperiode angegeh\u00f6rende Mitwelt nicht klarer zu sehen vermag oder um seinetwillen nicht klarer sehen will, und ungerechte Urteile austeilt, wenn schlie\u00dflich die Anderen die Verteidigungsm\u00f6glichkeit verloren haben. Wagner hat z. B. Die Urteile \u00fcber seinen Kollegen Reissiger fast alle erst nach dessen Tode geschrieben. Es f\u00e4llt uns dabei ein Satz aus dem schon erw\u00e4hnten Briefe des Oboisten Hiebendahl ein, welchter ehrlich schreibt: \u201eBedauerlich erscheint es immer wieder, auf Kosten Toter sp\u00e4tere Leistungen zu illustrieren und dadurch jene herunterzusetzen.\u201c Das Allerschlimmste aber ist, da\u00df dann die Schriftsteller unbek\u00fcmmert alles vom \u201eMeister\u201c \u00fcbernehmen, auch in noch aufgebauschteren Formen. Liebte Wagner schon selbst die Superlative, so geraten seine blinden Verehrer dazu in einen h\u00e4mischen Ton. Dabei stehen ihnen im Falle Reissiger nicht einmal Tatsachen zur Verf\u00fcgung, sondern alles, was gegen denselben vorgebracht wird. beruht auf Vermutungen und Anekdoten. Wir werden einzelne F\u00e4lle besprechen.<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seite 82 :<\/div>\n<p>Es mu\u00df auffallen, da\u00df Reissiger als Mensch und K\u00fcnstler in der ziemlich umfangreichen Literatur, welche wir aus der ersten H\u00e4lfte des l9. Jahrhunderts \u00fcber Dresden haben, immer als Vornehmer, edelgesinnter, gerechter, dabei liebensw\u00fcrdiger, herzlicher, solider Charakter gezeichnet ist. Nur von der Wagnerschen Seite wird ihm ein Zug von Verstellung und Falscheit angedichtet. Wagner war ein K\u00e4mpfer und vermutete \u2013 sicher behaupten konnte er es selbst nie \u2013 immer in Reissiger einen Gegner seiner k\u00fcnstlerischen Anschauungen. Hierin t\u00e4uschte sich Wagner. Wohl waren Wagener und Reissiger menschlich und k\u00fcnstlerisch stark verschiedene Charaktere. Wagner, der gro\u00dfe Tragiker, Reissiger der heitere Lebensk\u00fcnstler, der Humor als Weltanschauung besa\u00df, bilden Gegens\u00e4tze, die zu heftigen Zusammenst\u00f6\u00dfen h\u00e4tten f\u00fchren k\u00f6nnen, wenn eben nicht immer die besonnene Lebenskunst des \u00e4lteren Reissiger das elementare, spontane Verhalten des St\u00fcrmers und Dr\u00e4ngers Wagner, welcher er ja in der Dresdner Zeit war, durch ihre abwartende Ruhe ausgeglichen h\u00e4tte. Wer aber nicht zu Wagners damals nat\u00fcrlicherweise noch etwas grellfarbener Fahne mit Begeisterung schwor, der galt gleich als Feind. Da\u00df es noch eine Mittelgattung von Menschen geben kann, die zun\u00e4chst Ruhe bewahren, wenn es anderswo g\u00e4rt, und dies sogar pflichtgem\u00e4\u00dfig tun m\u00fcssen, selbst wenn sie Interesse f\u00fcr den Anderen haben, das verstehen k\u00fchne Neuerer nicht. Wagner selbst war noch nicht zu voller Klarheit \u00fcber sein Wollen gelangt. Erst nach den vierziger Jahren, also nach Dresden, erschienen seine \u00e4sthetischen Schriften, in denen er sich und der Welt Rechenschaft gibt, aus denen erst richtige Deutlichkeit \u00fcber die Stellungnahme zu seiner Kunst hervorbricht. Das sei auch bedacht, wenn man die Verdammungsurteile liest, die Wagner \u00fcber die Dresdener Musikkritiker f\u00e4llt. Sie standen einem noch unfertigen Proze\u00df gegen\u00fcber, den sie aber schon f\u00fcr beendet nehmen sollten, obwohl der Erreger selbst noch keinen festen Weg zum Ende gefunden hatte. Wenn man gelegentlich heute noch der falschen Anschauung, bei Wagners Kunswerk Text und Musik jedes f\u00fcr sich zu beurteilen, begegnet, w\u00e4hrend es gerade als Gesamterscheinung gew\u00fcrdigt werden will, so braucht man sich bei der gro\u00dfen Neuheit f\u00fcr die damaligen Kritiker nicht zu wundern, wenn sie nicht gleich die richtige Einstellung trafen.<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seiten 82-83 :<\/div>\n<p>Reissiger war nun nicht der Philister, als den man ihn gern hinstellt; als Mensch schon gar nicht, infolge seiner lebenslustigen \u201ejovialen\u201c Art, durch welche er bei allen, vom entfernten Bekannten bis zum geringsten Untergebenen, gesch\u00e4tzt war, was alle Zeugnisse belegen. Dabei zeichnete ihn zugleich eine moderne Allgemeinbildung aus. Als reproduzierender K\u00fcnstler ebenfalls nicht; denn dagegen spricht sein Eintreten f\u00fcr unbekannte, moderne Komponisten, was auch Wagner an sich selbst erfahren hatte. Als produzierender K\u00fcnstler strebte er auch nach vorw\u00e4rts; er schrieb selbst auf ein Albumblatt: \u201eDie Kunst leidet keinen Stillstand.\u201c Nur blieb hier hinter dem Wollen \u2013 eine Tragik f\u00fcr ihn \u2013 die Kraft der Begabung zur\u00fcck, so da\u00df er \u00fcber einen Klassizismus nicht hinauskam. Wer aber kann ihm das zum Vorwurf machen? Programmouvert\u00fcren, Lieder ohne Worte belegen das Streben nach Anschlu\u00df an die neue Zeit. Den Neudeutschen aber war er sogar sehr freundlich gesinnt, was wir aus folgendem Briefe an seinen Sch\u00fcler Raff (Sohn genannt) deutlich entnehmen k\u00f6nnen: \u201eDa\u00df in Weimar durch Liszt ein reges Musikleben begonnen hat und derselbe viele junge Virtuosen hingezogen, freut mich absonderlich. Papa meint, wenn nur durch die Herren Leipziger nicht auch die exklusive Partei, die nur Mendelssohn und Schumann und \u00e4hnliche Meister verdauen kann, nach Weimar transloziert wird?! Ob die Herren auch die Schere zur Phantasiebeschneidung und zum neuromantischen Formengew\u00fchl und die Schn\u00fcrbrust zur Bewegung des Herzens und seiner melodi\u00f6sen Erg\u00fcsse mitgebracht haben?&#8221; Weiter unten hei\u00dft es: \u201eGr\u00fc\u00dfe er Liszt von mir aufs Hochachtungsvollste und Freundschaftlichste.&#8221; Und h\u00e4tte Reissiger, wenn er sich nicht innerlich zur neuen Kunst hingezogen f\u00fchlte, etwa gewagt, im Jahre 1852, drei Jahre nach Wagners Flucht von Dresden, den Tannh\u00e4user, der bei der Urauff\u00fchrung 1845 nicht einmal durchgeschlagen hatte, wieder einzustudieren, in einer Zeit, in welcher man noch nicht wissen konnte, wie der Versuch abl\u00e4uft. Tatsache war ja auch, da\u00df \u201eHof und Adel sich demonstrativ fernhielten und in regierungstreuen Lokalbl\u00e4tttern eine heftige Polemik gegen die landesverr\u00e4terische Oper anhob.\u201c {Glasenapp H, 439.) Weissiger gab damit einen Beweis f\u00fcr die Bewahrung seiner k\u00fcnstlerischen Freiheit und auch Neidloisigkeit, denn Neid vermutete Wagner immer bei Reissiger. Wir haben aber die Empfindung, als w\u00e4re die andere Partei nicht ganz neidlos gewesen. Reissiger wurde um seine Stellung und sein Ansehen als Komponist beneidet. Er hatte es mit seiner kleinen Kunst leichter, als Komponist Erfolge zu erlangen, w\u00e4hrend Wagner mit seiner gro\u00dfen Kunst so schwer um Erfolge ringen mu\u00dfte.<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seiten 83-84 :<\/div>\n<p>Dazu kamen gerade in der Dresdner Zeit offensichtliche Mi\u00dferfolge Wagners als Dirigent. Abgesehen von dem allerh\u00f6chsten Tadel wegen einer mi\u00dflungenen Me\u00dfauff\u00fchrung unter Wagner, der dem Dirigenten mitgeteilt werden mu\u00dfte (1844), ferner um den Kritiken an Wagners Temponahme in Mozartschen Werken, so gibt doch der eine Fall der Tempov4rzerrung in den Hugenotten, welche noch nicht lange vorher unter Meyerbeers pers\u00f6nlicher Anleitung einstudiert waren, zu denken. Wagner war aber als Schaffender eine viel zu starke Individualit\u00e4t, um als Reproduzierender noch gen\u00fcgende Objektivit\u00e4t f\u00fcr andere Individualit\u00e4ten aufbringen zu k\u00f6nnen. Damit erledigen sich auch gleich Wagners Vorw\u00fcrfe gegen Reissigers Auffassung des Menuettsatzes in der achten Beherhovenschcn Sinfonie, wo bekanntlich Mendelssohn mit Reissiger \u00fcbereinstimmte, w\u00e4hrend Wagner in eine \u201eLeere\u201c zu blicken glaubte; sowie gegen Reissigers Orchesteraufstellung. Das spielt so sehr in das Gebiet der subjektiven Dirigentenauffassungen, in welchem unbedingte letzte Richterspr\u00fcche nicht f\u00e4llbar sind, hinein, da\u00df die Sache auf sich beruhen bleiben kann. Es f\u00fchren viele Wege nach Rom. Reissiger hatte auch selbst das Orchester schon immer anders gesetzt, um den Klang zu probieren, und das tut bis auf den heutigen Tag fast jeder Dirigent nach seinem Ohre.<br \/>\nAls Interpret eigener Werke und als Beethovendirigent glauben wir, da\u00df Wagner eine kongeniale Leistung schuf, da er dem faustischcn Titanen verwandt war. Im allgemeinen aber wird Reissiger als Dirigent \u00fcber Wagner gestanden haben, da er wandlungsf\u00e4higer in viele Stilarten sich hineinlebte. Er hatte eben keine so ausgesprochen subjektive Eigenart, die, wie bei Wagner, im Wege gewesen w\u00e4re. Die Lobpreisungen der Dirigentent\u00e4gkeit Reissigers beginnen gleich bei seinem Antritt in Dresden (1826) und sind nicht besondere Machenschaften einer Antiwagnerpartei der vierziger Jahre. Schon in Reissigers ersten Jahren, als noch die frische Weber-Tradition in der Erinnerung lebte, wird, wie wir an der betreffendenStelle w\u00f6rtlich angef\u00fchrt haben, hervorgehoben, da\u00df Reissiger seinem Vorg\u00e4nger getreu in der Auffassung nachkommt. Wagner will ja Reissiger auch das absprechen. Es soll eben immer nur seine auffassung die einzig m\u00f6gliche sein.<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seiten 84-85 :<\/div>\n<p>Zu der Behauptung, da\u00df Reissiger Weber nicht richtig auffasse, fand Wagner Aufmunterung in einer \u00c4u\u00dferung der Gattin Webers, worin sie Reissiger gleichzeitig faul nennt. Wir k\u00f6nnen von ihr rein menschlich verstehen, da\u00df der Naschfolger ihres geliebten Gatten im Amte f\u00fcr sie nat\u00fcrlich ni das bedeuten konnte, was er war, und w\u00e4re er noch besser gewesen. Ihr Gem\u00fct lie\u00df nur ein befangenes Urteil zu. Andererseits geh\u00f6rt es zu den Mitteln eines K\u00e4mpfers wie Wagner, all nur irgend zu erlangenden Ausk\u00fcnfte \u00fcber den Gegner (oder vermeintlichen Gegener) f\u00fcr sich voll auszunutzen.<br \/>\nWer unserer Darstellung gefolgt ist und auch noch die Schlu\u00dfkapitel in Betracht zieht, der wei\u00df, da\u00df die Behauptung von Faulheit bei Reissiger einfach Ironie ist. Wir brauchen hier nicht noch einmal von den Schulflei\u00dfpr\u00e4mien, von dem ununterbrochen t\u00e4tigen Geiste auf den Reisen, von der fast fieberhaften T\u00e4tigkeit in Dresden (sehr h\u00e4ufige Leitung sowohl der deutschen und der italienischen Oper ganz allein, Kirchendienste, Klavierproben f\u00fcr andere), von seinen sechshundert Kompositionen usw. eingehend zu reden, wir wissen da\u00df obige Behauptung den Tatsachen einfach ins Gesicht schl\u00e4gt. Undank ist der Welt Lohn. Zwar fand Reissiger sonst geb\u00fchrende Anerkennung, aber es sollte ihm wenigstens von dieser einen Seite die Geh\u00e4ssigkeit nicht erspart bleiben. Wagner, der, wie alle Genies, nicht in die Fesseln eines Amtes pa\u00dfte (Hofkapellmeister)\u201a fand in seiner Dresdner Bet\u00e4tigung keine Befriedigung. Aber er suchte nat\u00fcrlich nicht den Grund in sich selbst, sondern mu\u00dfte einen Ableiter f\u00fcr seine Mi\u00dfstimmung finden. Da war der von Herzen gute Reissiger, der alles andere als eine Kampfnatur war, gerade der rechte. Karl Gutzkow, dessen \u201eR\u00fcckblicke auf mein Leben\u201c sonst nicht immer Zuverl\u00e4ssiges bringt, hat in dem einen Reissiger betreffenden Punkte vollst\u00e4ndig recht: \u201eAn Reissiger ist wirklich eins zu bewundern: Nachfolger und Verehrer Webers, war er ein hochgebildeter Mann, vielseitiger, strenger Theoretiker, Kirchenkomponist, heimisch in Gluck, Mozart. Haydn, Beethoven wie einer; und nun mu\u00dfte er den ersten Anprall dessen aushalten, was wir sp\u00e4ter als \u201eMusik der Zukunft\u201c mit ihren Pr\u00e4tensionen haben kennen lernen! Das Chaos von Ideen, das jetzt jene Bretter in Bayreuth aufschl\u00e4gt, um die in Musik\u00fcberschizvemmung versetzten Lehrb\u00fccher der nordischen Mythologie genie\u00dfbar zu machen, st\u00fcrmte in seinem ersten vulkanischen Brodeln und Spr\u00fchen unmittelbar auf diesen wackeren, in seinen Formen immer liebensw\u00fcrdigen Biedermann ein.\u201c<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seiten 85-86 :<\/div>\n<p>W\u00e4re Reissiger nicht in dauerndem Verh\u00e4ltnis zu Wagner gewesen, sondern nur, wie etwa Spohr, gelegentlich einer Auff\u00fchrung eines seiner Werke (Holl\u00e4nder) einmal mit ihm zusammengekommen, so h\u00e4tte er, der Wagner viel gr\u00f6\u00dferen Dienst geleistet hatte (Rienzi-Annahme und Bef\u00fcrwortung der Anstellung), von diesem vor der Nachwelt dasselbe g\u00fcnstige Urteil erhalten wie ein Spohr. Aber wer dauernd im Umkreise des Tyrannen zu sein gezwungen war, also das Meiste zu leiden hatte, dem wurde der gr\u00f6\u00dfte Undank zuteil Wagner ging die Erkenntnis ab, welcher Liszt durch \u00c4nderungides Wortes: \u201enoblesse oblige\u201c in: \u201eg\u00e9nie oblige\u201c Ausdruck verlieh, und wonach Liszt so edel handelte. Allerdings ist der Fall des r\u00fccksichtslosen Genies die Regel und der Liszts die ideale Ausnahme. Reissigers Lebenskunst lie\u00df ihn auch dann noch, nachdem Wagners Wesen immer schroffer wurde, ruhig bleiben und alles f\u00fcr sich verwinden. Aber mit Wagner war eben ein echt kollegiales Verh\u00e4ltnis, wie das mit Morlacchi und Rastrelli, doch nicht m\u00f6glich. Trotzdem l\u00e4\u00dft Reissiger sich das Wohlwollen f\u00fcr Wagner nicht tr\u00fcben, wir lesen in einem Briefe an den Verleger B\u00f6hme (Peters) 1847: \u201e . . . ich blieb daher noch acht Tage in Berlin und projektierte noch einige Tage in Dessau und Leipzig angenehm zu verleben, allein mein Kollege Wagner bat mich flehentlich, zur\u00fcckzukehren, weil er seinen \u201eRienzi&#8221; in Berlin einstudieren wolle. Da mu\u00dfte nun der arme Reissiger h\u00fcbsch kollegialisch verfahren und alle seine Pl\u00e4ne aufgeben.\u201c Wagner geno\u00df auch oft monatelangen Urlaub, um Ruhe f\u00fcr sein Schaffen zu finden, w\u00e4hrenddessen ihn Reissiger, der diese Verg\u00fcnstigung nicht in dem Ma\u00dfe erhielt, geduldig vertrat. Am 4. Juli 1848 schreibt Reisiger an L\u00fcttichau, welcher Wagner den Urlaub verweigert hatte: \u201eWenn nun mein Kollege, wie er sich ausdr\u00fcckt, nur in Gottes Freier, sch\u00f6ner Natur, fern vom Weltgew\u00fchl, geistig und k\u00f6rperlich gesunden kann und nur durch die Verl\u00e4ngerung des Urlaubs Heilung m\u00f6glich ist, so darf ich Ew. Exzellenz nicht lange um Vorenthaltung seines erbetenen Urlaubs angehen! M\u00f6ge er in zwiefacher Hinsicht gesunden. Da ich minder krank als Wagner bin, so ist es meine Pflicht, unter diesen Umst\u00e4nden von meiner eigenen Kur abzustehen und die Besserung meiner Lage einer g\u00fcnstigeren Zeit zu \u00fcberlassen.\u201c Ein Aufsatz zum hundertsten Geburtstage: Reissigers (von Brescius, Dresdner Anzeiger 1898) zitiert treffend ein Hans-Sachs-Wort aus den Meistersingern: \u201eHat man so je einen Feind bedacht?\u201c<br \/>\nEs geh\u00f6rte fast mit zu Reissigers Beruf, seine Kollegen auf lange Zeiten zu vertreten (schon Morlacchi), so da\u00df sich in den vierziger jahren Folgen seiner fr\u00fcheren \u00dcbe-ranstrengungen bemerkbar machten, und er trug sich, wie wir sehen werden, 1854 bereits mit R\u00fccktrittsgedanken.<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"notiz-s\">auf Seiten 86-87 :<\/div>\n<p>Was die Anekdoten \u00fcber Reissiger anlangt, die die Wagnerbiographie so besonders ausn\u00fctzt, so k\u00f6nnen wir dar\u00fcber hingehen. Denn das hatte Reissiger wohl selbst nicht gedacht, da\u00df ihm harmlose Witzworte, zu denen er immer aufgelegt war \u2013 manchmal ging im Orchester die Rede um: der Kapellmeister hat wieder Anekdotendr\u00fccken \u2013 in geh\u00e4ssiger Weise ausgelegt werden w\u00fcrden. (Wegen einer noch zu besuchenden Geburtstagsfeier h\u00e4tte Reissiger z. B. Das Tempo ind der \u201eStummen von Portici\u201c etwas schneller genommen.) Die Anekdote spinnt sich immer um bedeutende Personen, da die Menge zu gern etwas \u201eMenschlichess \u2013 Allzumenschliches&#8221; von ihnen erhascht und dann vergr\u00f6\u00dfert. Nach Wagners Flucht von Dresden sollen zwischen Reissiger und Wagner noch mehrere feundliche-Briefe gewechselt worden sein, die aber nicht zu erlangen waren. Reissiger war nach allem Gesagten kein. Antiwagnerianer\u201aweder pers\u00f6nlich noch k\u00fcnstlerisch. Nur der Undank, mit dem ihn Wagner und dessen n\u00e4here Freunde belohnten, lie\u00df ihn dann gleichg\u00fcltiger, wenn auch nicht zum ausgesprochenen Gegner werden. Das Schlimmste, was wir in dieser Beziehung von Reissiger gelesen haben, ist eine Stelle in einem Briefe an B\u00f6hme aus dem Jahre 1854, welche lautet: \u201eMich k\u00fcmmert weder ihr Erfolg. noch ihre Niederlage\u201c, womit die Wagner-Partei gemeint ist. Wagner, der sich auch mit anberen K\u00fcnstlern \u00fcberwarf (Schumann. F. Hiller, Semper, Lipinski, selbst zeitweilig Liszt und B\u00fclow, war wie ein Hecht in einen Karpfenteich in \u201aDresden hineingeraten.<br \/>\nAls er wegging, traten wieder ruhigere Verh\u00e4ltnisse ein. W\u00e4hrend Wagners Dresdner Zeit war die Oper keineswegs auf der H\u00f6he, auf der sie Ende der drei\u00dfiger Jahre stand, geblieben. Der Spielplan war immerhin noch vielseitiger, als er z. B. heute gestaltet werden kann; aber die Zersplitterung in der obersten Leitung; und fortgesetzte Besetzungsschwierigkeiten, die durch einen f\u00fchlbaren S\u00e4ngermangel an allem Theatern entstanden waren, machten sich denn auch in Dresden bemerkbar.<br \/>\nAls Wagners Nachfolger kam nach einem Interregnum, w\u00e4hrenddessen Reissiger wieder die Gesamtleitung allein hatte, da auch R\u00f6ckel abgegangen war, Krebs nach Dresden. Schumann, auch Lortzing h\u00e4tten gern die Stellung eingenommen, woraus aber nichts geworden war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Abschnitt der Biografie ist ungek\u00fcrzt wiedergegeben, da er mir von besonderem Interesse zu sein scheint! (Ch. Hildebrand) auf Seiten 79-80 : In dieser erlesenen Kunstst\u00e4tte mit ihren reichen Mitteln war nun von einem ehrlichen deutschen K\u00fcnstler, Reissiger, der Boden bereitet f\u00fcr die glanzvolle Einf\u00fchrung des gr\u00f6\u00dften deutschen K\u00fcnstlers des 19. Jahrhunderts, Richard Wagners. Schulden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/215"}],"collection":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=215"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/215\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}