{"id":266,"date":"2014-03-09T19:45:39","date_gmt":"2014-03-09T18:45:39","guid":{"rendered":"http:\/\/reissiger-stiftung.de\/?page_id=266"},"modified":"2014-03-09T19:45:39","modified_gmt":"2014-03-09T18:45:39","slug":"nachruf-deutscher-buehnenalmanach","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/?page_id=266","title":{"rendered":"Nachruf Deutscher B\u00fchnenalmanach"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Deutscher B\u00fchnenalmanach<\/b><\/span>, <span class=pmis>Band 24, Berlin, 1. Januar 1860, S. 155-166<\/span><br \/>\n<span class=pmis>herausgegeben f\u00fcr die \u201e<i><b>Perseverantia<\/b><\/i>\u201c,<\/span><br \/>\n<span class=pmis>Alter-Versorgungs-Anstalt f\u00fcr Deutsche Theater-Mitglieder<\/span><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Karl Gottlieb Reissiger<\/b><\/span><br \/>\n<span class=pkom>K\u00f6nigl. S\u00e4chsischer Hofkapellmeister<\/span>,<br \/>\n<span class=pkom>gestorben zu Dresden am 7. November 1859<\/span><\/p>\n<p>Kaum sind die Trauerkl\u00e4nge verhallt, welche erst vor wenigen Monden an dem Grabe des Altmeisters Spohr ert\u00f6nten, als schon wieder der Tod dem frischen, reichbewegten Leben eines w\u00fcrdigen Meisters der Tonkunst sein finsteres Halt gebietet.<br \/>\nKarl Gottlieb Reissiger verschied am 7. November 1859 zu Dresden. Mitten unter den freudigen Zur\u00fcstungen zu dem nationalen Dankfeste, welche zur S\u00e4kularfeier der Geburt Fr. v. Schillers auch in Dresden in so kunstsinniger und reicher Weise getroffen wurden, schied der als Mensch offene, biedere und liebensw\u00fcrdige, als Komponist in allen Kreisen durch Anmut, Frische und Lieblichkeit seine Melodien gekannte und geliebte Mann von dieser Erde. Ehren wir das Andenken eines Mannes, welcher aus alter, t\u00fcchtiger Schule stammend, den reich sprudelnden Quell seiner Melodien mit redlichem Streben nur zur Erreichung edlster Ziele in der Welt der T\u00f6ne flie\u00dfen lie\u00df, indem wir seinem Lebenslauf einen dankbaren Kranz der Erinnerung und Liebe flechten.<br \/>\nKarl Gottlieb Reissiger war der Sohn eines armen Kantors in Belzig bei Wittenberg und wurde daselbst am 31. Januar 1798 geboren. Fr\u00fchzeitig entwickelte sich schon das musikalische Talent des Knaben. Schon in seinem 10. Jahre war er \u2013 ein f\u00fcr den damaligen Standpunkt musikalischer Fertigkeit gewi\u00df seltener Fall \u2013 so vorbereitet, da\u00df er sich \u00f6ffentlich in einem Konzerte auf dem Klavier konnte h\u00f6ren lassen. Sonntags leitete er in der Kirche den Gesang auf der Orgel. Ungeachtet der Knabe von Musikkennern viel bewundert wurde, und man dem Vater die flei\u00dfige Ausbildung seines Talents anriet, war dieser doch zu unverm\u00f6gend, irgend etwas hierauf wenden zu k\u00f6nnen. Indes setzte er, selbst ein t\u00fcchtiger Musiker, den musikalischen Unterricht bis zum Jahre 1811 allein fort, wo es ihm endlich m\u00f6glich wurde, den hoffnungsvollen Sohn auf die Thomasschule in Leipzig zu schicken, wo er so gl\u00fccklich war, sogleich eine Alumnenstelle zu erhalten. Diese verdankte er einer gl\u00fccklich bestandenen Probe vor dem w\u00fcrdigen Kantor dieser Schule, Schicht, welcher \u00fcberhaupt auf seine musikalische Entwicklung m\u00e4chtig einwirkte. Der damals 12j\u00e4hrige Knabe sang die ihm als Probest\u00fcck vorgelegte Arie aus der Graun&#8217;schen Passion: \u201eSingt dem g\u00f6ttlichen Propheten\u201c prima vista und ohne allen Ansto\u00df. Auf der Schule zeichnete er sich in den wissenschaften durch gro\u00dfen Flei\u00df aus, machte durchweg erfreuliche Fortschritte und wurde bald der Liebling seiner Lehrer. Seine musikalische Fortbildung, wie namentlich sein Klavierspiel unterlag manchen Hemmnissen. Zu arm, ein Klavier zu kaufen oder auch nur zu mieten, wurde ihm kaum die Gelegenheit, zu \u00fcben, da der gemeinschaftliche Fl\u00fcgel nur den erwachsenen Sch\u00fclern zug\u00e4nglich war. Schicht&#8217;s Aufmerksamkeit lenkte sich mit voller Liebe auf ihn, als er zum Solisten im Alt vorger\u00fcckt war. Er erkannte bald das eminente Talent des jungen S\u00e4ngers und gab ihm zun\u00e4chst Unterricht im Klavierspiel. Der sich m\u00e4chtig in dem Knaben regende k\u00fcnstlerische Geist nahm von jetzt an, gen\u00e4hrt durch die verschiedensten Musikauff\u00fchrungen, einen so hohen Aufschwung, da\u00df ihn das einseitige und etwas pedantisch geleitete Studium nicht mehr befriedigte. In den wenigen Mu\u00dfestunden setzte er, mitten in dem L\u00e4rmen und Toben seiner Mitsch\u00fcler, die ersten Motetten. Meist aus den Jahren 1815 und 1816 herr\u00fchrend, werden diese ersten J\u00fcnglingsarbeiten noch jetzt in den Vespern von dem Chore der Thomassch\u00fcler gesungen. Zum eigentlichen Durchbruch kam jedoch seine k\u00fcnstlerische Begabung noch nicht. Erst als er im Jahre 1818 mit den gl\u00e4nzendsten Zeugnissen die Universit\u00e4t Leipzig bezog, um hier Theologie zu studieren, als er 2 Jahre lang dem, ihn innerlich wenig befriedigenden Studium unter Sorgen und Entbehrungen oblag, als er die wenigen, der k\u00f6rperlichen Erholung gewidmeten Stunden auf die emsigste Fortbildung in der Komposition verwandte, erkannte Schicht seinen Beruf zur Kunst und erbot sich, ihm wirklichen Unterricht in der Komposition zu erteilen. Die Wege wurden ihm erleichtert, denn die mancherlei vorteilhaften Bekanntschaften, welche er seinem geschmackvollen Klavier- und Orgelspiel, wie einer gro\u00dfen Fertigkeit im Gesange verdankte, kamen ihm gleich bei diesem Vorhaben freundlich entgegen. Jetzt erst gewann der bis dahin ihm selbst unklar gebliebene k\u00fcnstlerische Drang eine sichere Grundlage. Die theologischen Studien erlitten nun einen gewaltigen Sto\u00df; von jeher im Konflikt mit der von ihm so hei\u00dfgeliebten Kunst, konnten sie nur so lange die Oberhand behalten, als der J\u00fcngling ohne \u00e4u\u00dferen Schutz und Anhalt, in den Banden eines bek\u00fcmmerten Schicksals, auf dem Gebiete der Kunst zwar mit genialer Kraft, aber doch ohne F\u00fchrer schwankend und ohne Selbstvertrauen umherirrte. Manchen Zeufzer hatte ihm diese Unzuverl\u00e4ssigkeit seines Ziels erpre\u00dft! Jetzt taten sich ihm Mittel und Wege auf. Der wackere Schicht verlie\u00df ihn nicht, als er nun f\u00f6rmlich mit dem Studium der Theologie brach und sich ganz in die Arme der Kunst warf. In Verbindung mit seinem Schwiegersohn Wei\u00dfe, dem Direktor der Leipziger Feuer-Versicherungs-Anstalt, sorgte er f\u00fcr den J\u00fcngling auf das T\u00e4tigste. Edle Besch\u00fctzer in Leipzig und Berlin traten zusammen und gaben die Mittel zu einer dreij\u00e4hrigen Unterst\u00fctzung des vielversprechenden Kunstj\u00fcngers her. Ihrer Hilfe verdankte er zun\u00e4chst eine kleine Bibliothek auserlesener musikalischer Werke. Im \u00dcbrigen vollst\u00e4ndig ausger\u00fcstet, verlie\u00df der \u00fcbergl\u00fcckliche Reissiger 1821 Leipzig und ging nach Wien, um dort seine Studien fortzusetzen. Hier komponierte er seine erste Oper: \u201eDas Rockenweibchen\u201c. Das Buch passierte aber die Zensur nicht und so mu\u00dfte die Auff\u00fchrung unterbleiben. Die in Konzerten vorgef\u00fchrte Ouverture gefiel jedoch sehr. Mehrere andere Ouverturen, welch er f\u00fcr das Hofburgtheater setzte, verschafften ihm den freien Eintritt in das Kaiserliche Theater. Die damals vortreffliche deutsche Oper in Wien verfehlte ihren bildenden Einflu\u00df auf den jungen Reissiger nicht. Ehe er Wien verlie\u00df, trat er noch als S\u00e4nger und Klavierspieler im Hofoperntheater mit gro\u00dfem Beifall auf. Mehrere seiner Kompositionen erschienen bei Artaria und Steiner im Druck. Im Jahre 1822 ging er nach M\u00fcnchen. Durch Winter&#8217;s Umgang belebt, nahm seine sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit einen hohen Aufschwung. Eine Messe, welche er fertig nach M\u00fcnchen brachte, erwarb ihm Winter&#8217;s ganze Freundschaft. Dieser stellte ihm einst zu einer Konzert-Ouverture ein Thema in f\u00fcnf Noten. Sie erregte solches Aufsehen, da\u00df ihm der Intendant des Hoftheaters sogleich die Kompositon der Ouverture, Ch\u00f6re und Entreacts zu dem Trauerspiel \u201eNero\u201c \u00fcbertrug. Auch diese Musik gewann sich die Anerkennung der Musikfreunde. Die Ouverture erschien sp\u00e4ter in einer Umarbeitung bei Breitkopf und H\u00e4rtel. Winter lie\u00df f\u00fcr ihn den Text zu Metastasio&#8217;s \u201eDido\u201c umarbeiten. Der Brand des sch\u00f6nen Hoftheaters hinderte jedoch die Auff\u00fchrung dieser Oper. Im Jahre 1823 verlie\u00df Reissiger M\u00fcnchen und eilte nach Leipzig, um noch einmal seinen sterbenden Freund und Wohlt\u00e4ter Schicht zu sehen, und dann in Mai desselben Jahres nach Berlin.<!--nextpage--><br \/>\nMan kann wohl sagen, da\u00df erst hier das bedeutende Talent des jungen Komponisten in seinem ganzen Umfange anerkannt wurde. Es \u00f6ffneten sich dem K\u00fcnstler alsbald die besten Kreise der Gesellschaft. Minister Altenstein, Staatsrat K\u00f6rner, General Witzleben interessierten sich lebhaft f\u00fcr ihn. Nicht nur dem Beifall, welchen er als Komponist und Virtuos in \u00f6ffentlichen Konzerten davontrug, mehr noch ihrer warmen F\u00fcrsprache hatte er es zu danken, da\u00df der kunstsinnige, hochselige K\u00f6nig von Preu\u00dfen ihm die Mittel zu einer Bildungsreise nach Italien und Frankreich bewilligte. Ehe er diese Reise antrat, schickte er die soeben vollendete italienische Oper \u201eDidone\u201c nach Dresden. Karl Maria von Weber betrieb mit hingebendstem interesse ihre Einstudierung. In kurzen Zwischenr\u00e4umen wurde sie mehrere Mal mit gro\u00dfem Beifall aufgef\u00fchrt. Im Juli 1824 trat endlich Reissiger seine Kunst- und Studienreise \u00fcber Holland nach Paris an. Seitens des K\u00f6nigl. Preu\u00dfischen Ministeriums war an diese Reise ein Auftrag gekn\u00fcpft. Reissiger sollte sich die genaueste Einsicht in die musikalischen Bildungsanstalten Frankreichs und Italiens verschaffen und dar\u00fcber monatliche Berichte nach Berlin einsenden. Dies verz\u00f6gerte seinen Aufenthalt in Paris. Von Pariser Verlegern wurden ihm mehrere ehrenvolle Auftr\u00e4ge und durch dies die Mittel zu Teil, seine Anwesenheit in Paris auszudehnen. Ende Februar 1825 ging er erst \u00fcber Turin, Genua, Mailand, Bologna und Florenz nach Rom. Dort blieb er die Karwoche und das Osterfest. Dann wandte er sich nach Neapel. Nach vierw\u00f6chigem Aufenthalt kehrte er nach Rom zur\u00fcck, wo er, angezogen durch die von dem damaligen Preu\u00dfischen Ministerresidenten Bunsen eingeleitete Bekanntschaft mit dem Musikgelehrten Abb\u00e9 Baini, l\u00e4nger verweilte, als er eigent-lich beabsichtigte. Sein Aufenthalt in Rom blieb jedoch nicht ohne Resultat. Hier vollendete er seine Oper \u201eDer Ahnenschatz\u201c (Text von D\u00f6hring), deren Sujet jedoch mit Weber&#8217;s \u201eFreisch\u00fctz\u201c so verwandt war, da\u00df sie, \u00e4hnlich wie die Spohr&#8217;sche Komposition desselben Textes, nirgends zur Auff\u00fchrung kommen konnte. Die Ouverture, in gl\u00e4nzestem Stil geschrieben, hat sich jedoch lange in der Gunst namentlich der Dresdener Musikfreunde erhalten. Nach Berlin zur\u00fcckgekehrt, erhielt er den Auftrag, den Plan zu einem gro\u00dfen Konservatorium f\u00fcr den Preu\u00dfschen Staat zu entwerfen. Dieser Plan erhielt den Beifall der von dem Ministerium berufenen Kommission, kam jedoch aus anderen Gr\u00fcnden nicht zur Ausf\u00fchrung. Reissiger teilte in Berlin seine Zeit zwischen Kompositionen neuer Opern und Unterrichtgeben. Neben Zelter, Klein und Bach fungierte er als Lehrer an dem K\u00f6nigl. Musikinstitut.<br \/>\nDas Jahr 1826 bildete den \u00dcbergang aus einem unsteten Wanderleben in die festen Bahnen einer geregelten, mit Ehren reich geschm\u00fcckten T\u00e4tigkeit. Zwei gl\u00e4nzende Rufe gingen zu gleicher Zeit an ihn. In Haag sollte er ein Konservatorium gr\u00fcnden, in Dresden in des nach Hannover abgegangenen Marschner Stelle als Musikdirektor am Hoftheater treten. Liebe und Dankbarkeit, welche ihn an das engere S\u00e4chsische Vaterland kn\u00fcpften, lie\u00dfen ihn dem letzteren Rufe folgen. Im November trat er, von Karl Maria von Weber eingef\u00fchrt, sein neues Amt an. Seiner nie ruhenden T\u00e4tigkeit er\u00f6ffnete sich ein gro\u00dfes Gebiet. Nicht nur die Leitung der Proben und Auff\u00fchrungen der deutschen Oper wurde ihm \u00fcbertragen, w\u00e4hrend Morlacchi&#8217;s, des italienischen Kapellmeisters, Abwesenheit und Kr\u00e4nklichkeit hatte er auch noch die damals bestehende italienische Oper zu dirigieren.<br \/>\nReissiger entwickelt in dieser Doppelstellung eine ungemeine Energie. Tiefe Einsicht in die Sache und kluge Besonnenheit in Beherrschung des Orchesters gingen mit Frische und Lebendigkeit Hand in Hand. Der K\u00f6nig von Sachsen ernannte ihn wegen dieser ausgezeichneten Bef\u00e4higung schon im Jahre 1827 zum Kapellmeister. In dieses Jahr f\u00e4llt auch neben einer Messe die Komposition des Melodrama&#8217;s \u201eYelva\u201c, das durch die seelenvolle, durchweg melodi\u00f6se Musik in ganz Deutschland schnell beliebt ward und noch gegenw\u00e4rtig auf dem Repertoire fast jeder B\u00fchne zu finden ist. Ebenso gefiel die bald darauf folgende Oper \u201eLibella\u201c in Dresden, und als der Klavierauszug erschien, waren die musikalischen Zeitungen, an ihrer Spitze die Leipziger, voll des Lobes. Die Auff\u00fchrung wurde durch die sehr schwierige Besetzung mit 5 Solosopranen f\u00fcr viele B\u00fchnen zur Unm\u00f6glichkeit und deshalb die weitere Verbreitung der Oper erschwert. Seine demn\u00e4chst folgende Oper \u201eDie Felsenm\u00fchle\u201c gewann ihm eine weit verbreitete Popularit\u00e4t. An allen Orten, in Dresden, Berlin, Leipzig, Breslau, Kopenhagen usw., gewann sich die sch\u00f6ne Musik in alle Herzen, da\u00df sie bald in den verschiedensten Arrangements ein Gemeingut der gesamten musikalischen Welt wurde.<br \/>\nNach Morlacchi&#8217;s Tode \u00fcbernahm Reissiger gemeinschaftlich mit Richard Wagner die Leitung der Dresdener Oper. Es wurde ihm in dieser ausgezeichneten Stellung das seltene Gl\u00fcck zu Teil, sein 25j\u00e4hriges Dienstjubil\u00e4um im Jahre 1851 zu feiern. Bei Gelegenheit desselben ernannte ihn der K\u00f6nig von Sachsen in ehrender Anerkennung seiner Verdienste zum ersten s\u00e4chsischen Hofkapellmeister.<!--nextpage--><br \/>\nW\u00e4hrend dieser langen Amtst\u00e4tigkeit erlahmte dennoch sein k\u00fcnstlerisches Schaffen nicht. Zu den bereits genannten Opern gesellten sich zwei neue, \u201eTurandot\u201c und \u201eAdele von Foix\u201c. Erstere erschien, irren wir nicht, im Jahre 1836 und wurde auf der Dresdener Hofb\u00fchnen zu wiederholten Malen bei immer vollem Hause gegeben. Die musikalische Kritik sprach sich auch \u00fcber diese Werk sehr g\u00fcnstig aus. Die gr\u00f6\u00dfte T\u00e4tigkeit entwickelte jedoch Reissiger auf dem Felde der Kirchenmusik und man kann wohl sagen, da\u00df sich sein Talent auf diesem Gebiet weit entschiedener als auf dem dramatischen zeigte. Seine Messen sind in der Stimmf\u00fchrung und Harmonisierung Meisterwerke ihrer Art. Nicht nur in der katholischen Hofkirche zu Dresden wurden sie bei Gelegenheit der hohen Kirchenfeste aufgef\u00fchrt, auch in den bedeutendsten St\u00e4dten Deutschlands, ja selbst \u00fcber dessen Grenzen hinaus dienten sie zur Erh\u00f6hung des katholischen Kultus. \u2013 Das einfache Lied hat wohl in keinem neueren Komponisten einen begabteren und melodienreicheren Vertreter gefunden, als in Reissiger. Viele derselben leben im Munde des Volkes. Heine&#8217;s \u201ebeide Grenadiere\u201c, Uhland&#8217;s \u201eguter Kamerad\u201c, Geibel&#8217;s \u201eZigeunerknabe im Norden\u201c haben neben der Gediegenheit der Komposition eine so sch\u00f6ne, hinrei\u00dfende und bestechende Melodik, da\u00df man sie selbst nach Jahren und unter wechselden Eindr\u00fccken immer wieder gern singt. Wo lustige Zecher zusammen sind und \u201edes Lebens Elend und Sorgen\u201c beim feurigen Pokale vergessen wollen, wird auch sein \u201eVater Noah\u201c, ein Prachtst\u00fcck humoristischer Charakteristik, in welchem sich der den Freuden der Geselligkeit mit W\u00e4rme hingegebene Charakter des Dahingeschiedenen in frischester Lust abspiegelt, gern gesungen werden. Welche S\u00e4ngervereine g\u00e4be es, welche seine zahlreichen Quartette und unter ihnen nicht den \u201eS\u00e4nger\u201c und das feurige, kriegsmutige \u201eBl\u00fccher am Rhein\u201c gesungen h\u00e4tten! Sein Melodienreichtum war fast unersch\u00f6pflich und nicht allein der zartesten Romantik, sondern auch, als diametraler Gegensatz, der kecksten, derben Lebenslust zug\u00e4nglich. Schon sein reicher Liederschatz wird ihm ein bleibendes Andenken bewahren. Wie alle seine Kompositionen das Innige, Tiefe und Gem\u00fctvolle seine Charakters abspiegeln und das Gepr\u00e4ge deutschen Wesens an sich tragen, so hat gerade dieser Schatz von den Vorz\u00fcgen seines Wesens das meiste in sich aufgenommen. Wie der Dichter am meisten durch seine Lieder im Munde des Volkes fortlebt, so hat sich auch Reissigers Popularit\u00e4t gerade in der Form des Liedes, der urspr\u00fcnglichsten und reinsten in der Musik, bei allen Sangeslustigen befestigt. Von seinen Liedern sind wohl einige 60 Sammlungen erschienen. \u2013 Au\u00dferdem ist aber auch seine Be-deutung als Instrumental-Komponist nicht zu untersch\u00e4tzen. Seine Instrumentierung ist klar und schwungvoll und die Melodie sch\u00f6n und flie\u00dfend. Dem Andenken Karl Maria von Weber&#8217;s widmete er im Jahre 1822 ein gr\u00f6\u00dferes Musikst\u00fcck: \u201eDerni\u00e8re pens\u00e9e de C. M. de Weber\u201c, ein Werk voll hoher Gedanken und ausdrucksvollem Adel des Stils. Das Festspiel: \u201eDer Erde reinstes Gl\u00fcck\u201c komponierte er in h\u00f6heren Auftrag zu den Verm\u00e4hlungs-Feierlichkeiten der verstorbenen K\u00f6nigs von Sachsen.<br \/>\nUnter den vielen Kompositionen f\u00fcr Kammermusik heben wir namentlich sein sch\u00f6nes Trio f\u00fcr Piano, Violine und Cello hervor, das er Mendelssohn-Bartholdy zueignete. Wenn Reissiger als Opern-Komponist nicht das Gl\u00fcck machte, welches sein eminentes \u00fcberreiches Talent eigentlich erwarten lie\u00df, so lag dies mehr in der Wahl seiner Texte, welche niemals, mit wenigen Ausnahmen, recht gl\u00fccklich waren. Dazu kam, da\u00df seine zeitraubende Stellung als Kapellmeister ihm eine strenge und wirksame Pr\u00fcfung seine musikalischen Vorw\u00fcrfe kaum gestattete und das seine aus der F\u00fclle sch\u00f6pferischen Talents stammende Gewohnheit, schnell zu arbeiten, ihm nicht die Zeit g\u00f6nnte, in der Auswahl peinlich zu Werke zu gehen. L\u00e4\u00dft sich hieraus ein Vorwurf ableiten, so w\u00e4re es der, da\u00df seine ungeheure Fertigkeit im schnellen Schreiben ihn \u00f6fter zu einem Mi\u00dfbrauch dieser Kraft verleitete, welcher, im entgegengesetzten Falle, bei einer tiefen wissenschaftlichen Durchbildung kaum eingetreten w\u00e4re. Dieser Mi\u00dfbrauch seiner sch\u00f6pferischen Kraft findet jedoch Entschuldigung, wenn wir auf Reissiger&#8217;s Leben, das in seiner k\u00fcnstlerischen Entwicklungsepoche ein Kette von Schwierigkeiten und Hemmnissen dabot, zur\u00fcckblicken. Nur die rasche, kr\u00e4ftige Arbeit und Tat konnte ihn in diesen Hemmnissen aufrecht erhalten. Hielten sich alle seine Sch\u00f6pfungen auf den verschiedensten Gebieten der Musik auch nicht immer auf gleich hoher, der Kraft seines Talents ebenb\u00fcrtigen Stufe, \u2013 sie verirrten sich nie in das Bizarre und Extreme, oder in das Triviale und Gemeine. Kan man auch Reissiger nicht den Sch\u00f6pfer eines neuen Stils nennen, so hat er sich dennoch innerhalb der von Weber angebahnten romantischen Schule als selbstst\u00e4ndige Kraft bew\u00e4hrt, welcher ein fast nie versiegender Reichtum an tiefempfundener Melodik bis zu ihrem Erl\u00f6schen zu Gebote stand. Selbst seine minder bedeutenden Werke bleiben noch immer gut und sorgf\u00e4ltig, und das eben machte ihn zu einer seltenen Erscheinung in der heutigen Komponistenwelt, da\u00df seine schaffende Kraft noch immer \u00fcber der Art ihrer \u00c4\u00fc\u00dferung stand und die eigentliche Leistung im wahren Sinne des Wortes beherrschte.<!--nextpage--><br \/>\nIm b\u00fcrgelichen Leben war Reissiger ein offener, redlicher, sanfter Mensch von echt deutschem Charakter. Bei n\u00e4herer Bekanntschaft steigerten sich dies Eigenschaften zur liebensw\u00fcrdigsten Geselligkeit, welche bald einen Kreis kunstverwandter Freunde um ihn sammelte. Seine T\u00fcchtigkeit als Dirigent, seine staunenswerte Fertigkeit im Partiturlesen, sein rascher und sicherer \u00dcberblick, wie die Bedachtsamkeit und Festigkeit im Akkompagnieren sind anerkannt und erwarben ihm, gepaart mit liebensw\u00fcrdiger Humanit\u00e4t, die Liebe der seiner Leitung anvertrauten Kapelle. In dieser Stellung blieben ihm allerdings auch bittere Erfahrungen nicht erspart. Verpflichtet, \u00fcber eine Masse eingesendeter Kompositionen sein Urteil abzugeben, zog ihm die strenge Unparteilichkeit desselben auch viele Feinde zu. Auf seinen offenen Charakter wirkten diese Verh\u00e4ltnisse, in welche fast jeder bedeutende Mann und besonders Komponisten und K\u00fcnstler von Ruf kommen, dennoch empfindlich und nachteilig ein und l\u00e4hmten vielfach den Aufschwung seines poetischen Geistes. Indessen bl\u00fchten ihm neben der Genugtuung allseitiger, \u00f6ffentlicher Anerkennung auch die Freuden eines gl\u00fccklichen Familienlebens. Seine Gattin f\u00fchrte er aus der Familie des kunstsinnigen Stobwasser, in welcher der strebsame J\u00fcngling in Berlin so liebevolle Aufnahme fand, im Jahre 1828 heim. Aus der Ehe entsprossen drei S\u00f6hne und eine Tochter, welche in voller Bl\u00fcte der Jugend den hingeschiedenen treuen Vater beweinen. Wiewohl im letzten Winter schon kr\u00e4nkelnd und zu einer notwendigen Beschr\u00e4nkung seiner Berufspflichten gezwungen, erholte er sich jedoch im Laufe des Sommers so zusehend, da\u00df man an die v\u00f6llige Wiederherstellung seiner Kr\u00e4fte die besten Hoffnungen kn\u00fcpfte. Noch am Sonnabend vor seinem pl\u00f6tzlichen Hinscheiden leitete er in der katholischen Hofkirche die Litanei. Da raffte ihn der Tod am Montag, den 7. November, in der Mittagszeit, nach kurzem Unwohlsein in der vollen Kraft seiner Jahre aus diesem Leben hinweg! Die Trauerkunde erweckte die schmerzlichste Teilnahme in allen Kreisen. Die Mitglieder der K\u00f6nigl. Kapelle widmeten dem Hingeschiedenen einen r\u00fchrenden Nachruf im Dresdener Journal. Die Bestattung seiner irdischen H\u00fclle fand in den Fr\u00fchstunden des 10 November statt. Vom Trauerhause auf der Ostra-Allee setzte sich der feierliche Zug in der achten Morgenstunde unter dem Gel\u00e4ute der Glocken in Bewegung. Ein Musikchor, Beethoven&#8217;s Trauermarsch aus der Eroica spielend, er\u00f6ffnete denselben. Ihm folgten die Z\u00f6glinge des Konservatoriums und die Kapellknaben der katholischen Hofkirche. Daran schlossen sich die von den Mitgliedern der K\u00f6nigl. Kapelle und des Hoftheaters auf Kissen getragenen Lorbeerkr\u00e4nze und zahlreichen Liebesgaben von Mitgliedern der Oper und des Schauspiels, des Tonk\u00fcnstler-Vereins, der Dreyssig&#8217;schen und der Dresdener Singakademie, der allgemeinen S\u00e4ngervereine, der M\u00e4nner-Gesangsvereine \u201eOrpheus\u201c und \u201eLiedertafel\u201c, des Universit\u00e4ts-S\u00e4ngerchors zu St. Paul in Leipzig, welcher letztere durch eine Deputation vertreten waren. Vor dem Trauerzuge wurden zwei Kissen getragen, auf dem eine die Orden des Verewigten, unter ihnen den K\u00f6nigl. S\u00e4chsischen Verdienstorden, welcher ihm bei Gelegenheit der 300j\u00e4hrigen Jubelfeier der K\u00f6nigl. Kapelle verliehen wurde, auf dem anderen ein frischer Lorbeerkranz und der silberne Taktierstock, welchen die Mitglieder ihrem Meister an seinem 25j\u00e4hrigen Dienstjubil\u00e4um verehrt hatten. Neben dem Trauerwagen gingen 12 Mitglieder der Kapelle und Oper mit Palmzweigen. Hinter demselben folgten die S\u00f6hne und Verwandten des Verewigten; hierauf s\u00e4mtliche Mitglieder der Kapelle, unter ihnen die noch vor dem Dahingeschiedenen angestellten Senioren F. Kummer, Lauterbach, Schubert und Tietz, Efeukr\u00e4nze mit Trauerb\u00e4ndern tragend, an ihrer Seite die Herren Superior Pfarrer Bernert, Hofrat Dr. Pabst, Kapellmeister Krebs, Konzertmeister Schubert, Musikdirektor Grell aus Berlin und Kapellmeister Ries aus Leipzig, welcher kurz vorher an dem Sarge seines Freundes einen frischen Lorbeerkranz niedergelegt hatte. Nach der K\u00f6nigl. Kapelle folgten die Mitglieder des Hoftheaters und des Chors, wie die \u00fcbrigen Freunde und Verehrer des Verstorbenen. Die Feierlichkeit auf dem Kirchhofe war auf den Wunsch der tiefgebeugten Familie kurz und einfach. Hofprediger Dr. Langbein hielt eine erhebende, der w\u00e4rmsten Teilname entsprungene Grabrede. In ihr fanden Reissiger&#8217;s gro\u00dfe Verdienste um die Kunst eine ergreifende W\u00fcrdigung! Als der reich mit Kr\u00e4nzen geschm\u00fcckte Sarg der Erde \u00fcbergeben wurde, t\u00f6nte ein Gesang, welchen der Verewigte schon fr\u00fcher in d\u00fcsterer Vorahnung, wie es scheint, zu diesem Zwecke komponiert hatte. Ein Choral er\u00f6ffnete und schlo\u00df die ernste, schmerzliche Feier.<br \/>\nMit Reissiger ist ein Mann aus dem Leben geschieden, welcher als Mensch und K\u00fcnstler gleich hochgeachtet dastand. Seine reichen Kr\u00e4fte waren dem Edelsten in der Kunst gewidmet und nie wich er w\u00e4hrend seiner ein Menschalter umfassenden T\u00e4tigkeit von diesem Pfade ab. Die seiner Pflege anvertraute Kunst hat er seinen Nachfolgern in unverk\u00fcrzter Reinheit hinterlassen. M\u00f6gen sie mit gleicher Begeisterung, mit gleicher Kraft bestrebt sein, diese ehrenvolle Hinterlassenschaft mit so hingebender Liebe, wie sie den Verewigten beseelte, fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Hugo Gottschalk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutscher B\u00fchnenalmanach, Band 24, Berlin, 1. Januar 1860, S. 155-166 herausgegeben f\u00fcr die \u201ePerseverantia\u201c, Alter-Versorgungs-Anstalt f\u00fcr Deutsche Theater-Mitglieder Karl Gottlieb Reissiger K\u00f6nigl. S\u00e4chsischer Hofkapellmeister, gestorben zu Dresden am 7. November 1859 Kaum sind die Trauerkl\u00e4nge verhallt, welche erst vor wenigen Monden an dem Grabe des Altmeisters Spohr ert\u00f6nten, als schon wieder der Tod dem frischen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/266"}],"collection":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=266"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/266\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}