{"id":284,"date":"2014-03-10T19:34:52","date_gmt":"2014-03-10T18:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/reissiger-stiftung.de\/?page_id=284"},"modified":"2014-03-10T19:34:52","modified_gmt":"2014-03-10T18:34:52","slug":"nachruf-unsere-tage","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/?page_id=284","title":{"rendered":"Nachruf Unsere Tage"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: large;\"><b>Unsere Tage.<\/b><\/span> <span class=\"pmis\">Blicke aus der Zeit in die Zeit, 14. Heft, S. 67f<\/span><br \/>\n<span class=\"pmis\">Braunschweig, Druck und Verlag von George Westermann 1860<\/span><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>Karl Gottlieb Reissiger<\/b><\/span><\/p>\n<p>Die nachfolgenden Zeilen wollen ein kurzer zusammenfassender Bericht \u00fcber die wichtigsten T\u00e4tigkeiten und Lebensverh\u00e4ltnisse eines Musikers sein, der vor Kurzem von uns geschieden. Wir glauben einen solchen R\u00fcckblick der Erinnerung eines K\u00fcnstlers schuldig zu sein, der, wenn auch das H\u00f6chste zu erreichen, ihm nicht beschieden war, doch durch die gro\u00dfe Anzahl seiner Produkte lebhaften Arbeitsflei\u00df und Begabung bekundete, als Dirigent bis an sein Lebensende mit Liebe t\u00e4tig war, und auch durch vereinzelte seiner Kompositionen, namentlich unter seinen Liedern, einen gewissen Grad von Popularit\u00e4t erlangt hat.<br \/>\nWenige Tage nach dem Hinscheiden seines Freundes Spohr starb auch Reissiger zu Dresden am 7. November 1859 an einem Schlaganfall, nachdem er noch am 5. in der Hofkirche seinen Dienst versehen hatte. Er war am 31. Januar 1798 zu Belzig bei Wittenberg geboren. Sein Vater (ein Sch\u00fcler T\u00fcrks) war Kantor daselbst und erteilte ihm den ersten musikalischen Unterricht, brachte ihn jedoch 1811 auf die Thomasschule zu Leipzig, woselbst Schicht alsbald das dem Knaben innewohnende Talent erkannte und durch Unterricht im Klavierspiel zu entwickeln suchte. 1818 bezog Reissiger die Universit\u00e4t Leipzig als Student der Theologie, 1820 entsagte er jedoch diesem Studium und wendete sich unter Schicht&#8217;s Leitung g\u00e4nzlich der Tonkunst zu. Einige Kompositionsversuche (Motetten) soll er schon als Thomassch\u00fcler gemacht haben; nun f\u00f6rderte Schicht ihn nicht allein durch seinen vortrefflichen Unterricht, sondern schaffte ihm auch in Verbindung mit edeldenkenden Leipziger und Berliner Freunden eine dreij\u00e4hrige Unterst\u00fctzung. 1821 verlie\u00df Reissiger Leipzig, um seine Musikstudien in Wien fortzusetzen, im Mai 1822 ging er nach M\u00fcnchen, nachdem er sich vor seiner Abreise noch in einem eigenen Klavierconcerto und einer Ba\u00dfarie mit viel Beifall hatte h\u00f6ren lassen. In M\u00fcnchen geno\u00df er Winter&#8217;s freundschaftlichen und belehrenden Umgang und komponierte sehr flei\u00dfig. Im Mai 1823 wandte sich Reissiger nach Berlin, erweckte hier die Teilnahme hochgestellter M\u00e4nner, unter denen der Minister Altenstein und der General Witzleben, und erhielt auf deren Verwendung vom preu\u00dfischen K\u00f6nige die Mittel zu einer Bildungsreise nach Italien und Frankreich, mit der ministeriellen Anweisung, von den musikalischen Lehrstellen in beiden L\u00e4ndern genaue Kenntnis zu nehmen, um Bericht dar\u00fcber zu erstatten. Im Juli 1824 verlie\u00df er Berlin und kehrte erst Ende Oktober 1825 dorhin zur\u00fcck, nachdem er \u00fcber Holland, Paris, Turin, Genua, Mailand, Bologna, Rom besucht und am letztern Orte sich l\u00e4nger aufgehalten hatte. In Berlin wurde er neben Klein, Zelter und Bach bei dem musikalischen Lehrinstitute angestellt, gab au\u00dferdem Musikunterricht und f\u00fcllte jede freie Stunde mit Komposition aus, so da\u00df die Zahl seiner Werke schon um diese Zeit eine bedeutende H\u00f6he erreicht hatte. Als er im Oktober 1826 zugleich mit einem Rufe nach dem Haag auch den Antrag erhielt, in Dresden an Marschner&#8217;s Stelle als k\u00f6niglicher Musikdirektor zu treten, gab er dem letzeren nach und ging schon im November desselben Jahres nach Dresden. Unter C. M. v. Weber noch in die T\u00e4tigkeit als k\u00f6niglicher Musikdirektor eingef\u00fchrt, folgte er ihm sp\u00e4ter als zweiter Kapellmeister und leitete die Oper eine Zeit lang mit Morlacchi gemeinschaftlich, nach dessen Tode (1841) jedoch mit Richard Wagner. Bei Gelegenheit seines f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrigen Dienstjubil\u00e4ums wurde er zum ersten Hofkapellmeister ernannt und verblieb in dieser ehrenvollen Stellung bis an sein Ende.<!--nextpage--><br \/>\nSeine vielj\u00e4hrige T\u00e4tigkeit als Kapellmeister in Dresden schlo\u00df sich w\u00fcrdig an Weber&#8217;s Wirken an, besonders durch die sorgliche Pflege der deutschen Musik, welcher Weber an jener B\u00fchne der italienischen Oper gegen\u00fcber erst eigentlich Geltung verschafft hatte. Als Dirigent gew\u00e4hrte er den Ausf\u00fchrenden, wie der Korrespondent des Dresdner Journals sagt, \u201eein Gef\u00fchl unbegrenzter Sicherheit. Mit fein nachf\u00fchlender und tief eindringender k\u00fcnstlerischer Auffassung und mit klarer Vorstellung wu\u00dfte er genau, wie er jedes Werk in der Produktion gestalten lassen wollte, und verstand dasselbe charaktervoll und dem eigensten Geiste nach zur Geltung zu bringen. Er bot den Ausf\u00fchrenden Gelegenheit, sich im einzelnen frei und doch einheitlich zu bewegen.\u201c Wenn er bei seiner Vertretung der deutschen Musik auch mit dem Italiener Morlacchi manchen Kampf zu bestehen haben mochte, so war doch ihr gegenseitiges Verh\u00e4ltnis freundschaftlich; ebenso Reissiger&#8217;s sp\u00e4tere Stellung zu Wagner, dessen Tannh\u00e4user er noch 1852 auf&#8217;s Sorgf\u00e4ltigste wieder neu einstuduerte. Seit der Anstellung des Kapellmeisters Krebs zog er sich nach und nach mehr von der Operndirektion zur\u00fcck und beschr\u00e4nkte seine T\u00e4tigkeit bei der B\u00fchne nur auf Werke der vorz\u00fcglichsten Meister in der Oper, Gluck, Mozart, Cherubini, Weber u. A., sowie auf die Leitung der Musiken in der katholischen Hofkirche. Mit besonderer Vorliebe jedoch besch\u00e4ftigte er sich mit den Instrumentalkonzerten der k\u00f6niglichen Kapelle und brachte hier namentlich die seinem Empfinden naheliegenden Haydn&#8217;schen Sinfonien in vorz\u00fcglichster Weise zu Geh\u00f6r.<br \/>\nAls Komponist hat Reissiger wohl fast das ganze Kunstgebiet durchwandert und fast in allen Formen seine sch\u00f6pferischen Kr\u00e4fte versucht. Seine Oper machte sehr wenig Gl\u00fcck; von seinen dramatischen Arbeiten hat sich eigentlich nur das Melodrama Yelva (1828) bis jetzt erhalten, einige Ouvert\u00fcren abgerechnet, sind seine sehr zahlreichen B\u00fchnenmusiken bereits vergessen. Seine erste Oper, das \u201eRockenweibchen\u201c, zu Wien geschrieben, passierte wegen des Textes nicht die Zensur, in seinem Nachla\u00df befindet sich eine Umarbeitung der Ouverture. In M\u00fcnchen schrieb er Ouverturen, Ch\u00f6re und Entreacte zum Trauerspiel \u201eNero\u201c, dann die Oper \u201eDido\u201c, welche jedoch wegen des Brandes des Hoftheaters in M\u00fcnchen erst 1824 in Dresden besonders durch Weber&#8217;s Anregung zu Auff\u00fchrung kam. Den \u201eAhnenschatz\u201c schrieb er w\u00e4hrend seines Aufenthals in Rom; er ist jedoch nicht zur Auff\u00fchrung gelangt wegen zu gro\u00dfer \u00c4hnlichkeit der Dichtung mit der zu Weber&#8217;s Freisch\u00fctz. Abgesehen davon, da\u00df dem Lyriker Reissiger ein hohes dramatisches Verm\u00f6gen nicht verliehen war, mu\u00df man die Wahl seiner Texte auch meist ungl\u00fccklich nennen. Eben so wenig durchschlagend wirkten \u201eLibella\u201c (1829), \u201eDie Felsenm\u00fchle\u201c (1831, die Ouverture hat sich erhalten), \u201eDer Erde reichstes Gl\u00fcck\u201c, Festspiel zur Verm\u00e4hlung Friedrich August&#8217;s (1833), \u201eTurandot\u201c (1835), \u201eAdele de Foix\u201c und \u201eDer Schiffbruch der Medusa (1843 und 46), Musik zum zweiten Teile des Faust zum Goethegeste, \u201eRaub der Helena\u201c (1855). Au\u00dferdem verfa\u00dfte er mannigfache Festspiele zu Feierlichkeiten des k\u00f6niglichen Hauses.<br \/>\nDie Kirchenmusik hat er eben so flei\u00dfig gepflegt, wenn auch mit nicht viel bleibendem Gl\u00fcck; einen ausgezeichneten Stil und besondere Charakterfestigkeit kann man seinen kirchlichen Tons\u00e4tzen eben so wenig zusprechen, wie der ganzen Kompositionsweise Reissiger&#8217;s; aber nichtsdestoweniger erkennt man auch in ihnen den K\u00fcnstler, der mit gro\u00dfer Sicherheit alle technischen Mittel vollst\u00e4ndig beherrscht, nach dem Edlern strebt und mit W\u00e4rme ohne Pr\u00e4tension das Beste, was er vermag, zu geben sucht. Neben dem Oratorium \u201eDavid\u201c schrieb ein eine gro\u00dfe Anzahl Messen f\u00fcr die Dresdner Hofkirche, ein Requiem, viele Graduale, Offertorien, Psalmen, Hymnen, einen Psalm von Klopstock f\u00fcr das Elbmusikfest in Halle (1830), eine au\u00dferordentliche Menge Motetten f\u00fcr gemischten und M\u00e4nnerchor.<br \/>\nEbenso betr\u00e4chtlich ist die Zahl seiner Kammermusiken, von denen namentlich seine Klaviertrios lange Zeit hindurch einer au\u00dferordentlichen Verbreitung bei den Liebhabern sich erfreuten, wenngleich man auch diesen seiner Produkte bei sehr manirierter Form \u00fcberwiegend nur den Wert einer blosen Unterhaltungsmusik zugestehen kann und einen tiefern Gehalt absprechen mu\u00df. Von Instrumentalmusiken sind noch eine Jubelouvert\u00fcre, eine Ouverture in F, op. 128, eine Festouverture (1850) und eine Sinfonie aus fr\u00fcherer Zeit zu erw\u00e4hnen. Die gr\u00f6\u00dfte Verbreitung haben jedoch erst Reissiger&#8217;s Lieder gefunden, es sind deren 76 Sammlungen, f\u00fcr eine und mehrere Stimmen erschienen, manche von ihnen sind volkst\u00fcmlich geworden und werden sich mit Recht lange erhalten und seine anderen Werke \u00fcberdauern; sein gem\u00fctvolles Naturell fand in dem Liede die ihm entsprechende Kunstform.<br \/>\nNeben der allseitigen theoretischen und praktischen musikalischen Bildung besa\u00df Reissiger auch achtenswerte allgemeine Kenntnisse. Sein pers\u00f6nliches Wesen wird allgemein als sehr human, gem\u00fctvoll und in entsprechenden Stunden durch liebenswerte Heiterkeit belebt geschildert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Tage. Blicke aus der Zeit in die Zeit, 14. Heft, S. 67f Braunschweig, Druck und Verlag von George Westermann 1860 Karl Gottlieb Reissiger Die nachfolgenden Zeilen wollen ein kurzer zusammenfassender Bericht \u00fcber die wichtigsten T\u00e4tigkeiten und Lebensverh\u00e4ltnisse eines Musikers sein, der vor Kurzem von uns geschieden. Wir glauben einen solchen R\u00fcckblick der Erinnerung eines [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/284"}],"collection":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=284"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/284\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=284"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}