{"id":480,"date":"2015-02-17T16:28:20","date_gmt":"2015-02-17T15:28:20","guid":{"rendered":"http:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/?page_id=480"},"modified":"2015-02-17T16:28:41","modified_gmt":"2015-02-17T15:28:41","slug":"rezension-david","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/reissiger-carl-gottlieb.de\/?page_id=480","title":{"rendered":"Rezension 1854: David"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">Niederrheinische Musik-Zeitung, Band 2, Nummer 27, 8 Juli 1854, S. 211f<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Das Oratorium David, C. G. Reissiger\u2019s neuestes und gr\u00f6sstes Werk.<\/span><\/p>\n<p>F. B.<\/p>\n<p>Unter allen jetzt lebenden Tondichtern Deutschlands hat wohl Niemand so viele und treffliche Werke f\u00fcr die Kirche, und namentlich f\u00fcr die katholische Kirche, geschrieben, als der in Dresden lebende Hofkapellmeister Reissiger. Sind seine ver\u00f6ffentlichten zahlreichen Kompositionen anderer Gattung durch den Reichtum an gef\u00e4lligen Melodieen, so wie durch ihre klare Konstruktion l\u00e4ngst allgemein bekannt und beliebt, so ist es um so mehr zu bedauern, dass die gro\u00dfartigsten Tondichtungen dieses Meisters bis jetzt unver\u00f6ffentlicht und daher dem gr\u00f6ssten Theile des deutschen musikliebenden Publikums fast g\u00e4nzlich unbekannt geblieben sind. Reissiger hat f\u00fcr die k\u00f6nigliche Hofkirche zu Dresden ausser vielen Gradualen, Offertorien u.s.w. ein grosses Requiem und zw\u00f6lf Messen im edelsten Stile geschrieben, welche Werke bis jetzt gr\u00f6\u00dftenteils alleiniges Eigentum der k\u00f6niglichen Hofkirche sind. In diesen Tondichtungen bew\u00e4hrt er nicht nur ein gro\u00dfes Talent der Erfindung, sondern auch eine seltene Meisterschaft in allen kontrapunktischen Formen. Unter den lebenden Tondichtern ist uns kein Meister bekannt, der so treffliche Fugen geschrieben h\u00e4tte, wie Reissiger in seinen Messen. Nehmen nun schon diese Kompositionen einen bedeutenden Standpunkt ein, so scheint doch der Tondichter in der Komposition des Oratoriums David sein gr\u00f6sstes und erhabenstes Werk geliefert zu haben. Ist dasselbe uns bis jetzt auch nur durch das Studium der Partitur, so wie durch eine Auff\u00fchrung am Pianoforte n\u00e4her bekannt geworden, so treten wir doch in jeder Hinsicht dem Urteile bei, welches C.Bank in Dresden \u00fcber dasselbe nach einer daselbst stattgefundenen gro\u00dfartigen Auff\u00fchrung folgenderma\u00dfen ausspricht: \u201eEs w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, hier auf Beantwortung der Frage einzugehen, in wie fern noch die protestantische Oratorien-Musik, das evangelische Epos, welches sich als gro\u00dfe Kunstform der volksm\u00e4\u00dfigen protestantischen Choral-Lyrik anschloss, eine Aufgabe der Gegenwart in der Tonkunst sein kann. Bezweifelt mag aber nicht werden, dass das Oratorium, aus dem begeisterten religi\u00f6sen Ideenschwunge hervorgehend, welcher im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts in der Musik seinen Ausdruck fand, durch den Geist und die innere Glaubens-Wahrheit dieser Periode und die noch in allen Gem\u00fctern anklingende Bedeutsamkeit des Inhalts ein in jener Zeit tief wurzelndes organisches Leben fand, wie es der unsrigen entfremdet ist. In allen Kunst-Reproduktionen wird alle Begabung des Talentes, idealer Aufschwung, Reinheit des Geschmacks und kunstreich didaktische Technik nie die Kraft der Realit\u00e4t und naiven Urspr\u00fcnglichkeit voll ersetzen k\u00f6nnen, eben so wenig, wie bei den Zuh\u00f6rern ein gel\u00e4uterter Kunstgeschmack die warme Empf\u00e4nglichkeit innerster Sympathie und \u00dcberzeugung geben kann. \u201eAbgesehen von der oben ber\u00fchrten Frage, ist die Aufgabe des Oratorien-Komponisten daher um so schwieriger. Denn in seiner Auffassung und Gestaltung gleichsam auf eine illusorische Welt im Verh\u00e4ltnisse zum Zeitgeist angewiesen, stellen sich ihm zwei Haupt-Anforderungen, so entscheidend in ihrem Gen\u00fcgen als schwer in ihrer Vermittlung, entgegen. Er muss in Erfindung und Form sich dem Geschmack und der musikalischen Empfindungsweise der Gegenwart anschliessen, f\u00fcr die er schreibt, und die Fortschritte der Instrumental-Mittel effektuierend benutzen; zugleich aber soll er auch dem w\u00fcrdigen Oratorien-Stile fr\u00fcherer Zeit treu bleiben, der, an sich schon balancierend zwischen religi\u00f6s-kirchlichem Ernste und dramatischem freiem Ausdrucke, durch diese modernen Bereicherungen nur um so leichter schwankend wird und vom rechten Ma\u00dfe abirrt. \u201eDie mit ausserordentlichem Talente, gediegenster Technik und k\u00fcnstlerischer Erkenntniss gelungene Erf\u00fcllung dieser Bedingnisse in dem Oratorium Reissiger&#8217;s erscheint daher als jene seltene und vor Allem hervorzuhebende Eigenschaft, welche ihm vor manchen anderen derartigen neueren Werken eine weit \u00fcberlegene Berechtigung gibt und seinen \u00fcbrigen Vorz\u00fcgen eine lebendige Wirkung, Theilnahme und Anerkennung zuwendet. Der Componist hat im \u201eDavid&#8221; bei reicher und charakteristischer Erfindung, dramatischer Wahrheit des Ausdrucks und einer oft sehr reizenden und dabei einfachen Melodik die ernste und religi\u00f6se Haltung und die Harmonie des Stils mit gro\u00dfer Meisterschaft durchgef\u00fchrt. Die Instrumentation einigt ihr mannigfaches und effektuierendes Kolorit in w\u00fcrdevollem Ma\u00dfe mit dem charakteristischen Ausdrucke des Inhalts; die Durcharbeitung der Formen offenbart Geschmack und eine gewandte und gediegene Technik ohne k\u00fcnstlich gesuchtes Machwerk und eine einfache und nat\u00fcrliche, oft gro\u00dfe Konzeption in der Struktur, mit Klarheit verbunden und ohne in zu gro\u00dfe Dehnungen zu verfallen. Bilden diese allgemeinen Vorz\u00fcge der Komposition das Werk zu einem trefflichen Ganzen, das zugleich ohne auff\u00e4llige reproduktive Anlehnung die Individualit\u00e4t des Komponisten vollkommen bewahrt, so erheben sich daraus einzelne Nummern durch charakteristische Kraft und Originalit\u00e4t der Gedanken und gelungene Durchf\u00fchrung zu besonderen musikalischen Sch\u00f6nheiten. Wir rechnen dahin zum Beispiel gleich den ersten Chor, den Sieges-Chor (Nr. 7), den Marsch und die Kr\u00f6nungDavid&#8217;s (Nr. 12), den Chor \u201eFrohlocket&#8221; (Nr. 16), \u201eGott ist mein Hort&#8221; (Nr. 20), die beiden Schlusss\u00e4tze etc., und in den Solos\u00e4tzen ist es namentlich die Partie David&#8217;s, die sich durch eine edle Empfindungsweise und Wahrheit des melodischen Ausdrucks auszeichnet. \u201eDas vorz\u00fcgliche und f\u00fcr \u00e4hnliche Auff\u00fchrungen h\u00f6chst empfehlenswerte Werk des gesch\u00e4tzten Meisters wurde mit au\u00dferordentlichem Beifall aufgenommen, und die Auff\u00fchrung war unter der Direktion des Komponisten und unter Mitwirkung der Dreyssig&#8217;schen Sing-Akademie und des S\u00e4ngerchors des Herrn Musik-Direktors Schurig eine sehr gelungene. Besonders lobenswert war der Vortrag des \u201eDavid&#8221; durch Herrn Tichatscheck und die vortreffliche und gl\u00e4nzende Leistung des Fr\u00e4ulein Grosser in der Sopran-Partie. Der Text die Geschichte des David in ihren Haupt-Momenten ist den Worten des alten Testamentes (den B\u00fcchern des Samuel) entnommen; in einem wesentlichen Wendepunkte derselben, dem S\u00fcndenfalle David&#8217;s, hat die Schwierigkeit des Ausdrucks zu einer Unklarheit f\u00fcr die weniger Bibelkundigen verleitet, und es m\u00f6chte n\u00f6tig sein, dieselbe durch Hinzuf\u00fcgung anderer Worte hinwegzur\u00e4umen.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niederrheinische Musik-Zeitung, Band 2, Nummer 27, 8 Juli 1854, S. 211f Das Oratorium David, C. G. Reissiger\u2019s neuestes und gr\u00f6sstes Werk. F. B. Unter allen jetzt lebenden Tondichtern Deutschlands hat wohl Niemand so viele und treffliche Werke f\u00fcr die Kirche, und namentlich f\u00fcr die katholische Kirche, geschrieben, als der in Dresden lebende Hofkapellmeister Reissiger. 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