Reissiger, Carl Gottlieb » Kreiser, Dresden

Kreiser, Dresden

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auf Seiten 77- 78 :

Wir verfolgen nunmehr wieder das Leben Reissigers. Wir hatten gesehen, wie unter seiner Leitung in den dreißiger Jahren die Dresdner Oper und das Konzertleben auf große Höhe gelangten. Die Oper war am Ende der dreißiger Jahre die erste in Deutschland. ——- Reissiger begründete in Dresden eine eigentliche Gluckpflege, welcher sonst nur noch in Berlin (Spontini) gespielt wurde (Iphigenie auf Tauris, Orpheus und Euridike); wandte seine Aufmerksamkeit Mozart zu, durch Aufführung seiner Werke in deutscher Sprache . Eine wackere Fürsorge traf er aber auch für die Vorstellungen moderner Werke. Wir nennen die glänzende Hugenottenaufführung, der Meyerbeer beiwohnte (1838). Reissiger nahm zu gern neue Opern an, wobei ihm die Intendanz öfter wegen der Kosten Schwierigkeiten machte, denn die Unterstützung junger Talente hatte nicht immer etwas eingebracht. Die Annahme des Rienzi, die wir noch näher besprechen werden, ist auch ein Beweis des Eintretens für junge Kräfte.
Vorerst müssen wir noch ein paar Worte der Pflege der Kirchenmusik unter Reissiger (Katholische Hofkirche.) widmen. Die Aufführungen bestehen bekanntlich heute noch und hehaupten durch die Verbindung mit der Hofoper, indem deren Künstler auch für die Kirche mit verpflichtet werden, eine erste Stellung. Als Reissiger antrat, überkam er ein glänzemle Ensemble für die Kirchenmusik. Die italienische Oper war mit ihren Sängern und besonders ihren Kastraten noch auf voller Höhe. Frauen durften aber nach dem „mulier tacet in ecclesia“ während Reissigers ganzer Amtszeit (bis 1859) noch nicht in der Kirche mitwirken, da erst 1864 ein entsprechender Erlaß kam. Infolgedessen hatte Reissiger nach Eingehen der italienischen Oper mit ihren Kastraten eine Krisis in der Kirchenbesetzung durchzumachen. Während erst Sassaroli und Tarquinio, die, nebenbei gesagt, die Summen von 17 000 und 14 000 Talern Gehalt schluckten, was dafür anderen Sängern entzogen werden mußte, die Koloraturen und Schnörkel der älteren Kirchenkompositionen herunterperlten, mußten nach 1845, als Tarquinio, der letzte Kastrat in Deutschland, abging, begabte Chorknaben die Sopran- und Alt-Solopartien übernehmen. Die vorgeschrittenen sittlichen Anschauungen hatten schon lange gegen das Kastratenwesen gearbeitet, nur in Dresden hatte es sich, wie ja auch die italienische Oper, sehr lange behauptet. Zuccalmaglio, einer der Davidsbündler, wettert in den Jahrbüchern des Nationalvereins (1839, S. 194) gege idie Dresdener Unsitte, wobei er Reissiger im Kampfe hilft und lobt, daß er schon mehrere Messen gesetzt, in denen er eine strenge Stimmführung im Gesang beobachtet, aus denen er alles Singpielartige verbannt und alles Bunte der Begleitung weggelassen“. Aber die „Gurgeleien“ der Kastraten kitzelten eben die Ohren noch immer. Reissiger interessierte sich sehr für die zu seiner Zeit betriebene Reform der katholischen Kirchenmusik, wie er überhaupt an allen Gegenwartsfragen Anteil nahm. Er wurde deshalb auf Spontinis Vorschlag zum Ehrenmitglied der „Akademie der Heiligen Cäcilia“ in Rorn ernannt.
Der Kirchendienst war sehr umfangreich. Das Kgl. Orchester hatte im Jahre ca. zweihundertundfünfzig Dienstleistungen, die noch neben der Oper zu erledigen waren. Dazu kamen auch noch Aufführungen in der Neustädter katholischen Pfarrkirche, die heute weggefallen sind.
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Eine ähnliche Krisis wie in der Kirchenbesetzung sollte bald, wenn auch nicht so schlimm für die Oper eintreten. Die Dresdner Oper war, wie wir wissen, am Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre zur ersten Pflegestätte der Bühnenmusik in Deutschland aufgestiegen. Ein Aufsatz in der Zeitschrift „Komet“ 1842, Nr. I77 (teilweise abgedruckt in der A. M. Z. 1842, S. 918) berichtet davon, indem alle deutschen Bühnen verglichen werden. „Die Trefflichkeit der königlichen Musikanstalten zu Dresden muß ihm,“ so wird von Reissiger als dem Leiter berichtet, „Lohn für viele Mühen und Sorgen, für manchen harten, langen, bestandenen Kampf sein.“

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13. 2. 2014 von Christian